Das Gute am Bösen

Ich hab lange auf das Bild an der Wand gestarrt. Draußen beherrscht tiefschwarze Nacht die Nachbarschaft und regiert mit ihrem Gesetz über alles, was sich um diese Zeit noch rumzutreiben traut. Rauschender Regen und irrwitzige Blitze zerschneiden in ihrem Auftrag in viel zu kurzen Abständen durch ihre Dunkelheit. Ich habe eine Menge Rum getrunken und billige Zigarillos geraucht. Und dann dieses Bild an der Wand. Es zeigt eine Frau, ein bezauberndes Biest mit spitzen, geschwungenen Hörnern und ebenso spitzen Eckzähnen. Ihre langen Haare fallen ihr auf die blutverschmierten Schultern und Brüste und sie stiert mich aus ihrem Rahmen heraus an, so wie ich sie vom Sofa aus anstarre. Was auch immer sie ist, sie ist mindestens ein Raubtier, eine zerstörerische Verführung, eine gewaltsame Bedrohung, das bösartige Schöne.

Ich puste eine große Qualmwolke in den Raum. „Warum eigentlich diese Faszination am Dämonischen? Am Toten?“, frage ich und du hast die Stirn in Falten gelegt, nimmst einen großen Schluck und antwortest: „Vielleicht wegen der Endlichkeit des Lebens. Der Flirt mit dem Tod ist doch im Grunde ein Spiel mit dem Leben. Es ist auch die Auseinandersetzung mit dem Sterblichen, dem Vergänglichen. Die Grenzen werden aufgeweicht, fließend.“ Ich nicke, proste der totbringenden Lady zu und murmele: „Und das Ergebnis wäre dann wohl die Unsterblichkeit. Oder die Befreiung von der Verbindlichkeit des Lebens.“ Befreiung, hallt es durch deinen Geist. Frei sein, denkst du mit größter Sehnsucht und schaust durch das offene Fenster der Nacht in ihrem zerschnittenen schwarzes Kleid hinterher.

„Freiheit meinst du? Wie soll das Dämonische befreien?“, willst du von mir jetzt wissen. Ich fahre mir durch die Haare, die auf meine Schultern fallen. „Weil es ein Tabu-Bruch ist. Darum geht es doch am Ende bei dem Spiel mit dem Bösen. Immer wieder den Status Quo infrage stellen, das moralische Gesetz brechen. Hierin steckt die Befreiung. Frei sein von Erwartungen. Frei sein von dem, wie man zu sein hat.“, fabuliere ich und ziehe dabei große Kreise in die Luft mit meiner Zigarillo. „Die Grenzüberschreitung zwischen Gut und Böse, zwischen Leben und Tod ist auch die Erweiterung des Raums an Möglichkeiten, dessen was sein könnte. Dessen, was wir sein könnten.“ „Was sein darf? Oder was vorstellbar ist?“, fragst du mich. „Kommt drauf an, wer den Tabu-Bruch begeht. Dass es vorstellbar wird, gilt wahrscheinlich immer. Weil es ja jemand gemacht hat. Das es sein darf gilt nur, wenn es jemand macht, der uns überzeugt. Jemand dem wir glauben, an den wir glauben.“ Ich betrachte die Spitzen Zähne in dem blutroten Lächeln der gehörnten Dame. „Oder jemand der schön genug ist.“ Du lachst und schüttelst den Kopf.

Wir schweigen eine Weile und hören der rauschenden Nacht zu, wie sie ihr Spiel mit der Welt treibt. Schließlich sagst du: „Das ist die selbe alte Geschichte. Seitdem das Gute erfunden wurde, haben wir das Böse gesucht, den Antagonisten, der zugleich anziehend und abstoßend wirkt.“ Etwas, dass wir uns wünschen und gleichzeitig fürchten, denke ich. Etwas oder jemanden. Jemand anderes oder ein anderer jemand, überlege ich und sage es nicht laut sondern schaue tief auf den Boden meines Glases. Als könnte ich dort eine Antwort darauf finden, was oder wer das sein könnte. Was ich mir wünsche und was ich gleichzeitig fürchte. Was ich gerne wollen würde, wenn ich mutig genug, biestig genug, böse genug wäre. Wer ich sein könnte. Du siehst mich an, ich weiche deinem Blick aus. „Du hattest zu viel Rum, oder?“, bemerkst du und öffnest noch ein Fenster.

(Bild gefunden auf: http://pin.it/WxCaGKD)

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