Vom Reiz am Reiz

Jede Entscheidung. Jede Vermeidung. Jede Veränderung. Alles entwickelt sich dadurch, etwas zu wollen. Und alles fängt damit an, jemand zu sein. Eingebunden und unterworfen in ein Regime, das mich in einer Deutlichkeit von innen heraus steuert. Ich bin ein Automat, ohne Sichtbarkeit meiner Automatismen. Ich bin ein unbewusster, höriger Soldat meines Systems. Ich folge. Ich gehorche. Und ich träume schön.

Durch den flimmernden Türspalt hindurch erhasche ich ganz zufällig, aus Versehen und unter größter Unbewusstheit eine Idee. Nur für eine Sekunde glitzert sie mir ins Gesicht. Weil ich heute mal den anderen Weg gegangen bin. Weil ich trotz größter Unwahrscheinlichkeit der Fremdheit begegnete. Auf einmal leuchtet sie wie der Blitz vor mir auf. Wie ein heimlich eingefügtes Bild in einer Filmrolle. Die Fremdheit inspiriert mich. Sie ist der vorprogrammierte Kollaps meines Systems. Sie ist die blutende Wunde meiner ungeklärten Fragen. Sie ist die eisige Schauergeschichte meiner Herrschaft, die ich ihr im Tiefschlaf zuflüstere. Sie ist nichts und dadurch alles. Die unerschöpfliche Vielfalt an Möglichkeiten meiner Selbst. Wie ein Prisma zerreißt sie mich und bricht mich auf in tausend bunte Stücke. Ich bin zerstreut. Ich bin verwirrt. Ich bin leichter und schwerer zugleich, voller Kummer und Sehnsucht, voller Euphorie und Zuversicht.

Alles beginnt damit, etwas zu sein und dann plötzlich etwas zu wollen. Es definiert die Strecke vom Startpunkt an bis hin zum Sehnsuchtsort. Etwas sein und gleichzeitig etwas zu wollen ist wie eine Routenbeschreibung.
Aber was, wenn mich diese Route aus meinem Herrschaftsgebiet herausführt? Mich ver-führt? Wenn sie mich in einen neuen Möglichkeitsraum hineingeleitet? Mich das Grenzregime meiner Herkunft überkreuzen lässt, mich ein Stückchen weiter rückt, mich in den Augen meiner Herrscher ver-rückt werden lässt?
Sie fordern mich eindringlich dazu auf, mich zu beherrschen. Und damit meinen sie ihre Herrschaft in mir zu reaktivieren. Die Automatismen meiner selbst in Betrieb zu halten. Mich zu kontrollieren. Sie verlangen meine Selbstkontrolle, die Kontrolle des einen Selbst, dass ihrer Herrschaft unterliegt. Dass die Regeln, den Rahmen, die Erwartungen kennt.

Ich schweige und betrachte die vielen schillernden Glasmurmeln meiner Potenziale, die in alle Himmelsrichtungen kullern. Wie soll ich mich entscheiden?

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