Möglichkeitsraum und Unmöglichkeitsraum

Die Idee dieses Essays ist die Einführung der Begrifflichkeiten „Möglichkeitsraum“ und „Unmöglichkeitsraum“, die als Setting meiner Forschung zu Tabu-Bruch und Verführung dienen.

Wodurch zeichnen sich Möglichkeiten aus? Dass etwas möglich ist, bedeutet zunächst, dass es eine Idee gibt von Etwas und jemand in der Theorie dazu befähigt ist dieses Etwas zu tun. Jemand hat die Kompetenz, also die Handlungsfähigkeit, dieses abstrakte Mögliche zu einem realen Etwas zu transformieren. Wie JEAN BAUDRILLARD schreibt: „[D]ie Operation der Welt resultiert aus einer mentalen Verführung […].“ Alles was getan wird, basiert zunächst auf dem Gedanken, der Idee, etwas zu tun. Die Erfüllung eines praktischen Zwecks, die reale Umsetzung dieses Gedankens sei nichts mehr als die symbolische Zugabe. (BAUDRILLARD, JEAN (1992): „Von der Verführung“, München: Matthes & Seitz, S. 63.).

Habe ich die notwendigen Ressourcen, wie etwa Geld, Material, Zugang? Und damit existenziell verknüpft: habe ich die Befugnis, ist es mir erlaubt? Darf ich?

Etwas tatsächlich zu tun macht es nicht möglicher, als es nur zu denken. Etwas tun zu können ist die relevante Variable, die Möglichkeit von Unmöglichkeit unterscheidet. Aber was beinhaltet dieses Können? Die Kompetenz ist durch einen Faktor des Möglichen bestimmt: die Verfügbarkeit. Selbst wenn ich die Idee für eine Handlung habe, und die Kompetenz (in diesem Fall: das Wissen und die Fertigkeit) habe, diese Handlung durchzuführen, bleibt die Frage ob es mir verfügbar ist, dieses Etwas zu realisieren. Habe ich die notwendigen Ressourcen, wie etwa Geld, Material, Zugang? Und damit existenziell verknüpft: habe ich die Befugnis, ist es mir erlaubt? Darf ich?

In dem Wort Verfügbarkeit steckt schon die Machtbeziehung, die Möglichkeit von Unmöglichkeit unterscheidet. Über etwas oder jemanden zu verfügen bedeutet, es zu verwalten, zu bestimmen wer wann wo daran teilhaben darf, zu befehligen und zu beherrschen, was damit passiert. Über etwas zu verfügen heißt, die Regeln im Umgang damit setzten zu können. Verfügbarkeit ist daher wie eine Batterie der Macht, die sich auflädt (sich füllt) durch Macht und die, wenn sie gefüllt ist, Macht ausübt. Verfügbarkeit und Kapital sind im Grunde synonym.

Mir etwas verfügbar zu machen ist an die Kondition geknüpft, wie JUDITH BUTLER in „Macht und Psyche“ erklärt, mich den Machtmechanismen zu unterwerfen, die dieses Etwas verwalten (BUTLER, JUDITH (2001): „Psyche der Macht“, Berlin: Suhrkamp.): Um eine Banane zu kaufen, muss ich in den Laden gehen und dort mein Geld mit der Banane eintauschen. Um eine Festanstellung zu bekommen (um das Geld für meine Banane zu verdienen), muss ich mich eines Bewerbungsprozesses unterziehen. Um ein Buch auszuleihen, muss ich einen Bibliotheksausweiß beantragen und die AGBs der Bibliothek unterzeichnen. Um eine Wohnung zu mieten, muss ich einen Schufa-Auszug vorlegen. Um sprechen zu dürfen im Klassenzimmer muss ich mich melden und hoffen, drangenommen zu werden.

Ich brauche ein „Ticket to Admission“ um konsumieren zu dürfen, denn darum geht es im Grunde: den Zugang zu Konsum.

Die Verfügbarkeit wird mir möglich, wenn ich mich an Regeln, Norm und Gesetze halte, wenn ich mich der Macht unterwerfe. Ich brauche ein „Ticket to Admission“ um konsumieren zu dürfen, denn darum geht es im Grunde: den Zugang zu Konsum. Der Möglichkeitsraum ist eine gemeinsame Narration, auf die sich eine Gesellschaft geeinigt hat. Dieser Raum und seine Grenzen sind eine Konstruktion, auf der die Grundpfeiler des Zusammenlebens stehen. Der Möglichkeitsraum ist der Raum der Sicherheit, der Ordnung, der Orientierung, der Zugehörigkeit, der Gesetzesmäßigkeit, der Konvention, der Norm, der Kontrolle, der Unterwerfung.

Alles was mir nicht legitim (und damit meine ich durch die Norm legitimiert) verfügbar ist, liegt jenseits meines Möglichkeitsraumes, im Unmöglichkeitsraum. Wenn es sich dabei um gesellschaftliche Tabus handelt, sind dies Unmöglichkeiten, die für alle anderen Subjekte unabhängig von ihrer Machtposition ebenfalls unverfügbar sein soll(t)en. Wenn ich mir dennoch Zugang zum Konsum, zum Erleben, zum Realisieren dieser Unmöglichkeiten verschaffe, dann habe ich die bestehenden Machtmechanismen übergangen, was gleichbedeutend ist mit einem Diebstahl an Wirksamkeit der Macht. Ich habe mir das, was Macht bewirkt (ihre Wirksamkeit) genommen, ohne dass mir jemand die entsprechende Macht verliehen hätte.

Mit dem Betreten des Unmöglichkeitsraumes habe ich die Mythe der Mechanismen übergangen, die es doch brauchen sollte, um diese Verfügbarkeit zu erleben. Ich habe die Ordnung der Dinge entweiht.

Ich habe die Mythe der Mechanismen übergangen, die es doch brauchen sollte, um diese Verfügbarkeit zu erleben. Ich habe die Ordnung der Dinge (um es mit MICHEL FOUCAULT zu sagen) entweiht. Mit meinem Handeln habe ich verdeutlicht, dass ich mich der Kontrolle der Macht entzogen habe, und sollte dies bemerkt werden (sollte es sichtbar werden), wird dieser Kontrollverlust über mich mit Konsequenzen (mit Strafen) versehen werden, die sich sowohl an mich richten, als auch an die eigentlichen Verlierer ihrer Kontrolle (meine Herrscher) und in ihrer Außenwirkung an die anderen Subjekte, die nicht an meinem Beispiel lernen sollen.

Der Unmöglichkeitsraum ist eine Bedrohung, entweder weil er der Raum des Tabus ist (und mit seiner Existenz Werte, Wahrheiten und Mythen der Gesellschaft gefährdet), oder weil sein unerlaubtes Betreten ohne die entsprechende Befugnis das Machtgefüge des Möglichkeitsraumes infrage stellt. Die Grenzüberschreitung hin zum Unmöglichkeitsraum ist der Ungehorsam, der Widerstand, der die Selbstverständlichkeit und Wirksamkeit der Herrschaft (und ihres Schutzes für das Subjekt) gefährdet. Der Unmöglichkeitsraum ist der Raum der Gefahr, des Verbrechens, der Schutzlosigkeit, der Regellosigkeit, der Obszönität, der Rebellion, des Freiheitskampfes, der Resistenz, des Chaos, der Kontingenz.

Jemand hat dem Subjekt verstehen gemacht was es begehrt, ihm einen Vorschlag oder eine Vorstellung verabreicht. Es ist die Idee, dass dort wo nichts mehr gilt alles geht.

Warum sollte jemand diese Grenze überschreiten wollen, so viel riskieren wollen und wofür?

Die Ausgangslage für den bewussten Schritt (nicht das Versehen aus Unvermögen oder Unwissen) in den Unmöglichkeitsraum ist das Begehren. Das Subjekt hat ein Bedürfnis, es will etwas, dass es sich scheinbar im Möglichkeitsraum nicht verfügbar machen kann. Das kann ein ganz klar formulierter Konsumwunsch sein, oder ein flüchtiger Reiz, eine Phantasie, eine Imagination von Erleben, und sei es nur der Reiz am Reiz. Jemand hat dem Subjekt verstehen gemacht was es begehrt, ihm einen Vorschlag oder eine Vorstellung verabreicht. Zugleich ist das Subjekt davon überzeugt, dass dieses Begehren nur im Unmöglichkeitsraum zu realisieren sei. Auf diese Idee kann es alleine gekommen sein. Auf diese Idee könnte jemand das Subjekt gebracht haben, zum Beispiel jemand, der von der Schwächung des Möglichkeitsraumes profitiert.

Auch im Unmöglichkeitsraum ist zunächst die Idee möglich, nur die Umsetzung unmöglich. Es ist die Idee, dass dort wo nichts mehr gilt alles geht. Was nun folgt, ist der innere Kampf zwischen dem durch phantastische Vorstellungen und Überzeugungsangeboten wachsenden Bedürfnis nach diesem Etwas und der Furcht vor dem Preis, den das Subjekt zahlen müsste, sollte es dieser Phantasie nachgehen und dabei sichtbar werden. Die Crux an der Realisierung der Phantasie ist, dass die Befriedigung durch ihr tatsächliches Erleben erst überprüfbar wird, wenn das Subjekt den Preis gezahlt, die Grenze überschritten, die Idee realisiert, das Etwas konsumiert hat.

Literatur:

BAUDRILLARD, JEAN (1992): „Von der Verführung“, München: Matthes & Seitz.
BUTLER, JUDITH (2001): „Psyche der Macht“, Berlin: Suhrkamp.
FOUCAULT, MICHEL (2003): „Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften.“, Berlin: Suhrkamp.

Bild vom Künstler Fly Art, gefunden auf: http://flyartproductions.tumblr.com/post/146548998436/flyartproductions-we-got-a-world-premiere-right

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