Philosopher´s Extacy

Ein Auftakt

Wohin führt die Reise des Lebens? Glauben wir ALAN WATTS müssen wir uns eingestehen, dass es kein Reiseziel gibt, kein Ergebnis, dass erreicht wird. Es gibt überhaupt keine Reise. Es gibt nur den Tanz. Es gibt nur das Tun und das Erleben dessen, was gerade passiert.

Die Frage heißt also nicht: Wohin führt die Reise und mit wem reise ich? Die Frage heißt: Wie fühlt sich dieser Tanz an und mit wem tanze ich?

Am Ende geht es immer wieder um das Verfügbarwerden von Erlebnis, von Sensation, von Gefühl und Wahrnehmung. Das ganze Leben ist ein Erleben und dieses Erleben wird intensiver, je mehr ich mich darauf einlasse, ich mich darauf konzentriere. Das Erlebte wird immer wahrer, immer realer, je mehr ich mich darauf konzentriere, je häufiger ich die Geschichte, die Erinnerung, die Nach-Empfindung wiederhole, bis es irgendwann zu einer Mythe wird, die ich weitererzähle und somit ein geschichtliches Erbe, eine kulturelle Tradition hergestellt habe. Erleben und reflektieren von Erleben und darin noch mehr Erleben, ein nicht endender Konsum der Sinne. Leben ist, wenn es völlig erlebt wird, ekstatisch. Es berauscht, wenn wir uns von ihm berauschen lassen.

Einen Teil des Lebens verbringen wir spielend. Das Spiel ist deshalb so attraktiv, weil ein intensives Erleben von etwas möglich wird, das eigentlich für unmöglich gehalten wird. Im Spiel können wir so über die Maße exzessiv erleben, was wir uns im Ernst vielleicht nicht trauen oder nicht können. Das Spiel ist ungefährlich, weil es nicht ernst ist, aber exzessiv, weil es sich ganz auf sich konzentriert. Es reflektiert über das, was es herstellt: ein Spielfeld, Spielende, eine Geschichte…
Je besser die Spielenden simulieren, je echter die Performance wird, desto realer wird das Erleben, auch wenn es nur gespielt ist. Auch wenn es nicht ernst ist, ist es nicht weniger echt für den Moment des Spiels. Möglicherweise kippt das Spiel irgendwann in die andere Richtung. Was gespielt wurde war zu echt, um nicht auch ernst zu sein. Was gespielt wurde wird zur sozialen, zur erleben Realität.
Wir spielen eine Menge. Beziehungen oder Rollen, Orte oder Handlungen, eine Ästhetik oder eine Sprache. Wir testen ein Lebensmodell oder wir inszenieren eine Pose, wir üben eine Fähigkeit oder probieren eine Identität aus.

Wir lachen darüber, weil es lustig, sogar lächerlich ist, das oder jenes zu tun oder zu sein.

Es ist eigentlich ausgeschlossen aber gleichzeitig nicht so völlig absurd, dass wir es uns nicht einmal vorstellen könnten. Das Spielen ist lustig weil es Lust ist, die frei zugänglich wird, wo eigentlich keine Lust sein dürfte. Wenn Leben Erleben ist, dann ist das Spielen von eigentlich Unmöglichem der nächste Schritt zur Erweiterung dieses Lebens. Es ist die Möglichkeit, wie ich vielleicht doch erleben kann was eigentlich nicht geht. Spielen ist so gesehen der Zugang zu noch mehr Konsum, noch mehr Ekstase, noch mehr Rausch, noch mehr Erleben. Spielen wäre dann auch eine Intensivierung des Lebens, eine Bereicherung, weil es Erlebtes ist.

Das Spiel ist auch eine Hilfskonstruktion um das zu tun, was wir ohnehin gern täten. Vielleicht ist es auch nur die Übergangsdroge, bis wir uns das Ernste, so gemeinte Handeln und das so gewollte Erleben trauen. Angenommen spielen ist freiwillig und wir suchen uns aus, was wir gerne spielen wollen, was steckt alles in unserem Spielen? Was simuliere ich, was ich vielleicht wirklich gern wäre, mich aber nicht traue? Welchen Anteil an mir halte ich für so tabu-brechend, dass ich ihn nur spielen kann um ihn zu erleben? Welche Beziehung zu dir halte ich für so undenkbar, dass ich mich nicht traue, sie dir wirklich vorzuschlagen? Und wer entscheidet über all diese Fragen? Vor wem oder gegen was rechtfertigen wir uns, nehmen wir den Modus des „als-ob“ an, um nicht „im ernst“ das Absurde, Verbotene oder Gefährliche zu tun?

Interessant wird es, wenn ich dasselbe immer wieder spiele. Wenn ich es spiele um es auszuprobieren oder zu üben, wäre diese Testphase irgendwann abgeschlossen. Ab einem bestimmten Punkt werde ich dann eine Entscheidung treffen, den nächsten Schritt machen und Stück für Stück das Spiel in den Ernst integrieren, oder von dem Bedürfnis absehen, das hinter meinem Spiel steckt.
Wenn ich dennoch immer wieder dasselbe inszeniere, stecke ich möglicherweise in einer Ambivalenz – ich könnte festgestellt haben, dass das Gespielte mir unmöglich bleibt. Weil ich es nicht kann oder weil mir der Preis zu hoch ist oder weil das nötige Etwas dafür mir nicht verfügbar ist. Oder vielleicht glaube ich auch, dass es im Ernst nicht im selben Maße befriedigend gelebt werden könnte, die Performance schlechter wäre oder die nötigen Mitspieler ihren Anteil daran nicht korrekt übernehmen würden. Dann bleibt das Spiel die einzige Möglichkeit dieses Erleben zu konsumieren.

Spielen bekommt, aus diesem Blickwinkel betrachtet, eine sehnsüchtige Einfärbung. Es wird zur Aufführung der ersehnten aber abgetanen Phantasie. Es liegt so gesehen eine gewisse Tragik in dem nicht endenden Spiel, aber auch Logik.

Wenn das Spiel der Ort der befreiten Souveränität des Subjektes ist, wie es BATAILLE bezeichnet hat, so ist das nicht endend wollende, ständig wiederholte Spiel ein Ort der unerfüllten Träume, ein Ort der Inkompetenz: der fehlenden Handlungsfähigkeit, etwas Ersehntes in die Realität zu transformieren, die auch „im Ernst“ noch gilt. Diese Inkompetenz liegt nicht notwendiger Weise im fehlenden Talent des Spielenden, sondern hat möglicherweise ihre Berechtigung, sei es eine moralische, eine psychologische, eine politische, eine ökonomische, oder eine diplomatische. In jedem Fall ist diese Inkompetenz Zeichen und Markierung eines Machtgefüges, in dem Grenzen, Norm, Privilegien und Ordnung einteilen, was Möglichkeit und was Unmöglichkeit ist und in dem ein Subjekt eine Phantasie von Konsum entwickelt oder verinnerlicht hat, dass es sich gern verfügbar machen würde.

Wenn jemand sein Spiel nicht beenden möchte und auch nicht verändert, bleibt die Frage im Raum wegen wem oder was. Es ist kaum nötig zu erklären, warum gespielt wird, wenn Erleben die letztendliche Äquivalenz von Leben ist. Wenn das Spiel seinen Sinn im Spielen, im Erleben des Gespielten hat. Aber wenn all das Gespielte stets nur, aber stets wieder gespielt wird, fragt sich worin die Inkompetenz besteht, das Gespielte in die Realität umzusetzen.

Ist es ein nicht wollen? Oder ist es ein nicht können? Oder aber ein nicht dürfen?

 

 

 

Bildquelle: http://mnesaretepeacetreaty.tumblr.com/post/80279339960

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