Das fabelhafte Schaf

Es war einmal ein verträumtes, schlaues, aber gutmütiges und unsicheres Schaf. Es lebte in einer Gemeinschaft mit anderen Tieren, die ihm seit dem allerersten Tag eine Augenbinde angebunden hatten, weil sie gelernt hatten, dass Schafe diese Augenbinde brauchen um in der Gemeinschaft sicher zu leben. Und das Schaf glaubte ihnen. Es lebte seither mit ihnen zusammen und wusste nicht, dass es eine Welt außerhalb dieses Hofes gab, oder eine Welt, in dem es ohne Augenbinde herumspringen könnte.

Das Schaf gab sich große Mühe das Beste aus seiner Blindheit zu machen und begann, sich die Welt durch Fantasie und Nachdenken zu erschließen. Es dachte sich Geschichten aus und gewöhnte sich an, in seiner blinden Einsamkeit Lieder zu vor sich hin zu singen. Was nun aber passierte war, wann immer das Schaf etwas gefragt wurde und eine schlaue, verträumte aber gutmütige und unsichere Antwort gab, alle anderen Tiere es furchtbar auslachten. Zuerst machte das lauteste Tier den Witz, so eine ungewöhnliche Antwort könnte doch nur ein dummes, blindes Schaf geben. Daraufhin lachten auch die anderen Tiere und bald erwarteten alle Tiere bereits gespannt die Antwort des Schafs, sobald es eine Frage gestellt bekam.

Es entwickelte sich daraus ein Bühnenstück, in dem das lauteste Tier vor dem Publikum das Schaf etwas fragte, das Schaf brav aber ängstlich eine besonnene, möglichst ehrliche Antwort aus seinen fabelhaften Schafsgedanken gab und die Interpretation dieser Antwort mit einem schallenden Gelächter durch das lauteste Tier folgte. Diese Vorstellung wiederholte sich so oft, bis die Rollen eingeübt und die Anekdote vorprogrammiert waren. Irgendwann durfte gar kein anderes Tier mehr dem Schaf eine Frage stellen, weil diese lustige Rolle allein dem lautesten Tier vorbehalten war.

Das Schaf fühlte sich immer unwohler und da es ja wusste, dass es nicht sehen konnte, glaubte es den anderen Tieren schließlich, dass es wohl dadurch dumm sein müsste. Es gehorchte ihren Anweisungen und hoffte, dass es mehr und mehr in Vergessenheit geraten würde, wenn es nur unauffällig und brav genug wäre.

Eines Tages forderte das lauteste Tier das Schaf auf, eine ihm unbekannte Frucht zu essen und darüber einen Song zu singen. Das Schaf gehorchte und aß, neugierig wie es war, die Frucht. Es war eine Kartoffel. Daraufhin setzte sich auf einen Stuhl und begann mit seiner zarten brüchigen Stimme über die einzigartige, salzige und schmackhafte Knolle zu singen. Die anderen Tiere grölten vor Lachen und das Schaf begann zu weinen. Es weinte große, dicke Schafstränen und rieb sich mit der Hufe die Augen. Da verrutschte seine Augenbinde und fiel zu Boden.

Das Schaf erstarrte. Es blickte ungläubig all die anderen Tiere an. Sie waren völlig anders, als es sich das Schaf immer vorgestellt hatte. Es sah jetzt, dass nur gewaltige pinke Schweine, trübe braune Kühe und sprunghafte dürre Ziegen vor ihm saßen. Dem Schaf wurde schlagartig klar, dass seine Augenbinde niemals für seine Sicherheit gedacht war, sondern für die Sicherheit der anderen Tiere vor seinem Blick. Es begriff nun, was all die Jahre vor sich gegangen war und mit dieser Weisheit im Bauch lachte so laut und frech, wie es nur ein Schaf machen kann. Es stellte sich auf und sagte:

„Von heute an werde ich nie wieder mit Tieren leben, die andere blind machen um zu verstecken, dass sie selbst auch nur Schweine, Kühe und Ziegen sind. Solange irgendeinem Tier diese Augenbinde angelegt wird, wird es immer jemanden lachendes vor Augenbinde und jemand weinendes dahinter geben. Und warum sollte ich mir das für euch antun?“

Es machte auf dem Absatz kehrt, hüpfte aus dem Hof heraus und nahm all seine Fantasie, seine schlauen Gedanken, seine Art zu Sprechen und zu Singen und all die innere Schafsstärke mit sich. Die Tiere des Hofs saßen noch lange ungläubig und betrübt an ihren Plätzen und sahen dem Schaf nach. Es lachte keiner von ihnen.

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