We need Female Pride to become normal.

Wir lehnen uns neugierig auf unseren knarzenden Polsterstühlen nach vorne, die schwitzigen Hände an die Konferenzmappen geheftet, die Nase in die kühle Luft gestreckt, die strapazierten Ohren gespitzt. Es war ein langer Tag voller feuriger Reden und mittelmäßiger Ansprachen. Ich war gerade noch müde. Aber jetzt, in den späten Stunden der letzten Tage, wird es plötzlich spannend. Eine von uns im Raum voller Menschen hat endlich die entscheidende Frage gestellt. Sie hat sich damit direkt an das Podium gewandt. Die Frage kam unerwartet und es herrscht für einen Wimpernschlag lang Totenstille. 300 Menschen halten die Luft an. Dann fängt eine an zu applaudieren. Dann noch eine. Und dann klatschen wir alle, verstohlen und stolz, eine kleine Revolution im trocken-kühlen Diskussionsraum aus Frage-Antwort-Ping-Pong. Noch nie hat jemand für eine Frage geklatscht bisher. Noch nie, und es ist schon Donnerstag Abend.

Ich drehe mich jetzt so gut ich kann um, suche in der Menge aus Gesichtern die eine Frau, die mich zum Applaudieren gebracht hat. Ich möchte sie mir einprägen, ihren Namen noch einmal hören und ihr zulächeln. Ich möchte wissen, wer das war, wer traut sich das, diese Frage hier zu stellen, den Finger so frech in die Wunde der Zeit zu legen? Der erste Speaker wiederholt nun in seiner warmen, sonoren Stimme ihre Frage: „Warum gibt so wenige weibliche Führungskräfte und was wird dafür getan, mehr Frauen in führende Funktionen einzusetzen?“ Und dann überlegt er laut: „Ich würde sagen Teil des Problems ist, dass gerade nur Frauen für diese Frage klatschen.“

Ein überlegenes Schmunzeln rutscht ihm quer über das Gesicht und ein betretenes Raunen erfüllt nun den Saal. Der Speaker greift sich an den kahlen Hinterkopf und schaut seine anderen drei Kollegen an, die zunehmend nervös auf ihren Stühlen hin und her rutschen, die Finger in einander geknotet und den Blick hochkonzentriert auf das Thesenpapier vor sich gerichtet. Mein Herzschlag nimmt heimlich Fahrt auf. Die Stimmen in meinem Kopf überschlagen sich. Meine brav farblos lackierten Nägel krallen sich inkognito in den grauen Stoff meines knielangen Rocks. Es ist nicht der Raum für blühende Herzen und rauschende Leidenschaft. Aber ich kann nicht anders und starre ihn jetzt hypnotisiert an. 600 weitere Augen starren ihn an; empört und entsetzt oder hoffnungsvoll und ermutigt.

Aber sein Kollege ergreift nun das Wort. Er rollt mit der vernünftigen Miene eines alten Mannes die sorgsam vorbereitete Antwort durch den Saal, die seine Assistentin und Kommunikationsexpertin für ihn auf sein Papierchen geschrieben hat. So spricht er von Raum für weiblichen Wachstum in der Wirtschaft, von der Ermutigung weiblicher Bewerberinnen und der Sensibilisierung für die Andersartigkeit der weiblichen Sprache. Er nennt ein paar Zahlen, die sich anhören wie ein Gewinn. Er murmelt von Geduld und lobt seine weiblichen Mitarbeiter. Er macht nun eine dramatische Pause um dem Gesagten den nötigen Nachdruck zu verleihen, um möglichst viel Raum zur kognitiven Entfaltung seiner diplomatischen Ansprache zu geben. Es war die richtige Mischung aus Selbstkritik, Entschuldigung und Aufforderung, das fachmännische Maß an Zugeständnis und Abwehr, Perspektive und Entschärfung. Seine Worte haben dieselbe beige-blasse Farblosigkeit zurück in den Saal gebracht, die sich auf meinen Wangen und Nägeln, meiner Kleidung, meinen Haaren und meinen Lippen abzeichnet, seitdem ich diesen Platz in der Mehrheitsgesellschaft der modernen, oberen Arbeiterschicht eingenommen habe. Jemand hustet im Konferenzraum. Irgendwo fällt ein Stift zu Boden. Ich höre Papier rascheln und das Zischen einer Wasserflasche, die zum ersten Mal geöffnet wird. Das Publikum ist mit dem sanften Wiegen der gewohnten Worte wieder in Trance gefallen. Gelernt ist gelernt.

„Und außerdem,“ fügt nun der dritte Speaker mit seiner nasalen Sprechstimme hinzu, „halten wir uns in unserem Land an den Grundsatz: Kompetenz vor Geschlecht. Führungskräfte werden diejenigen, die am kompetentesten sind, nicht diejenigen, deren Geschlecht bisher am schlechtesten vertreten ist.“ Seine Worte hallen in meinem Kopf nach. Kompetenz, denke ich und zupfe eine Fluse von meiner Strumpfhose. Mir fällt Niklas Luhmann ein, der Godfather of Soziologie. Seine Theorien jagen die Worte des dritten Speakers durch die Gassen meiner Gedanken wie ein wilder, sabbernder Hund mit aufgerissenem Maul eine watschelige Ente jagt. Es würde weh tun, wenn er zubeißt. Und es wäre nicht schön, anzusehen. Kompetenz ist für Luhmann in ihrer sozialen Bedeutung nicht primär eine tatsächliche Fähigkeit, sondern die Behauptung anderer, dass jemand etwas könne – was diejenige Person dann „mehr oder weniger“ gut umsetzt. Das heißt also für die Legitimation etwas tun zu dürfen kommt weniger zum Tragen, was ich kann, als vielmehr was andere mir zutrauen.

Ich höre die Masse murmeln. Die Frau von vorhin steht jetzt wieder auf. Ich kann sie jetzt sehen. Sie ist dunkelhaarig, hat einen Zopf und trägt die selbe Uniform, wie wir alle: ein dunkler Blazer und eine blasse Bluse. Das Mikrophon wird zu ihr getragen und sie nimmt es mit entschlossenem Griff an sich. „Danke für Ihre Antworten.“, beginnt sie mit schmaler Stimme. „Was ich mich jetzt frage ist, würden Sie sagen, dass einfach weniger Frauen kompetent sind? Das wäre ja die logische Schlussfolgerung daraus. Es gibt weniger weibliche Führung, plus Führung wird nach Kompetenz ausgewählt, ergo: es gibt weniger kompetente Frauen. Danke.“ Sagt es und setzt sich.

Wieder erhebt sich ein Murmeln aus der Masse. Wie ein aufgestachelter Bienenschwarm summt es nun, wird lauter, raschelt und poltert. Die Herde trabt und schnaubt. Ich schlucke und beginne mit meinem Kuli Kreise und Vierecke auf meine Mappe zu zeichnen. „Das habe ich ja nicht gesagt.“, erhebt nun der dritte Speaker trotzig seine Stimme. „Meine Damen und Herren..“, versucht es nun der erste Speaker besänftigend mit seinem tiefen Timbre. „Ich habe lediglich gemeint,“ quakt Speaker Drei nun wieder, „dass wir keine Quote wollen. Es ist doch völlig klar, dass wir in Deutschland unsere Führung nicht nach Geschlecht, sondern nach Können aussuchen. Und damit werden wir ja den Frauen auch nicht gerecht!“ Ich sehe, wie sein kleiner Erbsenkopf rot anläuft, wie sich die Schweißperlen auf seiner Stirn bilden, die wie Regentropfen im Licht der Scheinwerfer glitzern und an seinem glatten Gefieder abperlen. Ich sehe, seine Lippen emsig schnattern, seine Flügel schlagen und seine Federn sachte und langsam herabsegeln. Ich muss Husten. Und ich bekomme Hunger.

Der vierte Speaker bedeutet seinen Kollegen nun mit einer beschwichtigenden Geste zu schweigen. „Freunde“, sagt er in einer so tiefen Stimme, dass mir das Knurren im Hals stecken bleibt. „Wir sind hier zusammengekommen, um Lösungen zu finden für unser Land. Lasst uns vernünftig bleiben.“ Er steht von seinem kleinen Pult auf und tritt nach vorne auf die Bühne. „Natürlich haben wir eine Vielzahl an kompetenten Frauen in Deutschland. Unser Ziel muss sein, dass wir eine natürliche Repräsentation haben. Dass so viele Frauen in Führungspositionen sind, wie es Frauen durchschnittlich in Deutschland gibt. Und das sind 50 Prozent. Aber“, sagt er nun in einer dramatischen Geschichtenerzählerstimme, „dahin ist noch ein weiter Weg.“ Ich sehe seine Arme, die in dem karierten Sakko durch die Lüfte sausen, wie ein Dirigent, der sein Orchester unter Kontrolle bringen möchte. „WIR ALLE haben hierfür die Verantwortung. Frauen bewerben sich gemäß aktuellen Studien nur, wenn sie über 80 Prozent Übereinstimmung mit der Anzeige haben, wohingegen Männer bereits bei 20 Prozent einen Versuch wagen. Frauen müssen mutiger werden und mehr für ihre Positionen kämpfen. Sie müssen sich das Stück vom Kuchen holen, dass ihnen zusteht. Und wir Männer“, mit einem Zwinkern an seine Kollegen hinter ihm, „müssen sie darin bestärken und lernen zu teilen.“ Zustimmendes Murmeln im Publikum und gönnerhaftes Glucksen auf der Bühne.

Ich reiße einen Streifen von meiner Papierkonferenzmappe ab und rolle ihn zwischen Zeigefinger und Daumen zu einem kleinen Wurfgeschoss. Mein Kiefer ist versteinert und mein Magen zieht sich zusammen wie eine getrocknete Rosine. Eine lästige Strähne löst sich aus meiner Hochsteckfrisur und kitzelt mich an der Nase. Ich wische sie genervt nach hinten. Mein Bein fängt an zu zappeln und meine Füße wippen auf und ab. Mir wird warm und ich überlege den Blazer über den Stuhl zu hängen. Dann stehe ich auf. Alle schauen mich an. Das Mikrophon wird eiligst zu mir getragen. Der Dirigent fordert mich mit einer einladenden Geste auf zu sprechen. Soloauftritt. Mein Herz rast und das Mikro rutscht in meinen nassen Händen. Ich fühle das Blut in mein Gesicht rauschen. Ich fühle die Blässe herabfallen wie ein schützender Vorhang. Ich räuspere mich. Nein, ich knurre in das Mikro.

Ich sage meinen Namen und mein Einsatzgebiet. Und dann sage ich: „Kompetenz ist eine Frage der Inszenierung. Es geht nicht allein darum, was ich kann, sondern darum, was Sie mir zutrauen. Ob sie mir etwas zutrauen wird sich entscheiden, je nachdem wie gut es mir gelingt Ihren Geschmack zu treffen. Mein Job sollte sein, gute Arbeit zu leisten, Ihr Job sollte sein das zu erkennen. Meinen Job kann ich nur machen, wenn Sie Ihren Job gut machen.“ Meine Sitznachbarn murmeln wieder, ich höre im rechten Flügel des Raumes Gelächter. Ich stehe da mit wackeligen Beinen, Auge in Auge mit dem Dirigenten. Ich habe das Gefühl kaum noch Luft in den Lungen zu haben. Der Dirigent wendet seinen Blick ab, nimmt die Hände hinter den Rücken und geht ein paar Schritte über die Bühne. Er nickt verständnisvoll und bietet mir eine Kostprobe seines Repertoires der Kompetenz-Darstellung. Jemand nimmt mir wieder das Mikro aus der Hand und ich sollte mich jetzt setzen. Aber ich kann nicht.

„Ja, ja.“, sagt er schließlich. „Ja, das kann ich nachvollziehen.“ Der erste Speaker meldet sich mit einem Räuspern und erbittet den Dirigenten um Sprechgenehmigung. Sie wird ihm erteilt. „Ich glaube, was unsere Kollegin damit sagen wollte“, versucht er mich nun zu übersetzen, „ist ein neuralgischer Punkt in der Debatte: Die Bereitschaft der Frauen, ihre eigene Größe zu zeigen. Der Wille, gesehen zu werden, gehört zu werden und darin ernst genommen zu werden.“ Der zweite Speaker lehnt sich weit in seinem Stuhl zurück und der dritte Speaker fängt ein nervöses Zappeln an. „Ja, wir sollten Kompetenz belohnen und fördern“, sagt Speaker Eins mit einem Fingerzeig in dessen Richtung. „Und ja, es liegt auch an uns, uns allen, Kompetenz zu erkennen.“, sagt er mit Blickrichtung zu mir. „Und schließlich, ja, es liegt auch an den Frauen, Kompetenz zu zeigen. Vor allem in den Jobs, in denen ihre männlichen Kollegen mit einer Selbstverständlichkeit ihre Erfolge, Qualifikationen und Siegeszüge durch die Büroflure plärren.“ Ich setze mich. Der Stuhl knarzt. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Ich muss lächeln. „Was wir brauchen,“ setzt Speaker Eins nun an, „ist eine Kultur, in der es ebenso selbstverständlich ist, dass Frauen ihre Kompetenz benennen. In der dies nicht als Eitelkeit oder Überheblichkeit abgestraft wird, oder als feministisches Gehabe abgewertet. Wir brauchen eine Kultur des weiblichen Stolzes.“

Die Herde schnaubt und klappert, summt und murmelt. Ein paar Menschen lachen, ein paar Menschen klatschen. Ein paar schütteln den Kopf. Ein paar trinken aus ihren kleinen Mineralwasserflaschen und malen Kreise und Vierecke auf ihre Konferenzmappen. Ich schreibe mit glühenden Wangen in großen Buchstaben auf meine Mappe: WE NEED FEMALE PRIDE TO BECOME NORMAL.

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