Über Körperkonsum – das MEGA OSTER GAYWERK

Dritte Ethnographie

Im Rahmen meiner Forschung zu Spielplätzen untersuche ich Orte, an denen Personen die Handlungsnorm ihrer „alltäglichen Welt“ verlassen. Sie übertreten den Rahmen ihres „Möglichkeitsraumes“, um stattdessen das zu erleben und zu konsumieren, was ihnen sonst unmöglich ist. Zu diesen Spielplätzen, also Orten der Simulation, der Übung, des kulturellen Konsums, die sich durch das zeitlich beschränkte Eintauchen in eine alternative Realität auszeichnet, führe ich gemeinsam mit kleinen Forschungsteams Exkursionen durch.

Ich versuche den „Spielplatz“ als plastische, materiale Plattform zu beschreiben, die Besucher letzten Endes mit persönlichen Fantasien füllen. Ich berichte hierzu, was mir während der teilnehmenden Beobachtung aufgefallen ist, was für mich multi-sensual wahrnehmbar wurde und welche Geschichten von den Besuchern des Spielplatzes häufig erzählt und inszeniert wurden.

Zuletzt hat uns diese Forschung zum MEGA OSTER GAYWERK geführt. Fotos der Party sind hier zu finden.

Das GAYWERK – The Circuit Legend ist ein Veranstalter in Mannheim, der in größeren zeitlichen Abständen (etwa alle 2 – 3 Monate) Partys für Schwule im MS Connex organisiert. Zu diesen Partys kommen um die 3000 Gäste, nicht nur aus Mannheim, sondern aus der gesamten Rhein-Neckar und Rhein-Main-Region. Frauen sind auf diesen Partys selbstredend weniger präsent, aber – wie ich später ausführen werde – durchaus zu finden (oder schlichtweg „erlaubt“).

Das Motto variiert, je nach Anlass. So waren wir auf der Oster Party. Andere Partymottos sind Halloween, Weihnachten oder der Christopher Street Day .

Auf das GAYWERK als Veranstalter bin ich für die Suche nach Spielplätzen deshalb gekommen, weil ich eine anonyme Umfrage gemacht habe, wo und was Mannheimer als Orte des Spiels und der Überschreitung von Grenzen des Möglichkeitsraumes einschätzen.

Getting Prepared – or not?

Die Exkursion zum MEGA OSTER GAYWERK habe ich mit meiner Kollegin Nathalie durchgeführt. Wir haben uns zur adäquaten Vorbereitung zuvor getroffen und nach einem passenden Outfit gesucht. Nachdem ich bereits andere Exkursionen zur selben Location durchgeführt hatte und damals vor allem den Eindruck hatten, durch meine Kleidung aus dem Raster zu fallen, wollten wir uns dieses Mal besser vorbereiten. Sichtbarkeit als Merkmal von Zugehörigkeit erscheint mir (noch heute) als eines der wirkungsvollsten Stilmittel unseres „dramatischen Repertoires“, wie es Goffman bezeichnete. Eines, das wir uns kurzerhand überstreifen können um wortwörtlich in die neuen Rollen „hineinzuschlüpfen“. Das Ankleiden vor der Exkursion ist in diesem Sinne auch ein Spielplatz für uns, da wir in einer „Safe-Zone“ üben und ausprobieren können, was wir später deutlich ernster und überzeugender repräsentieren und darstellen wollen. Es ist eine Gewöhnungsphase, wie ein Schwimmer zunächst nur ein Bein ins kalte Wasser hält, bevor er sich völlig in das Becken begibt.

An dieser Stelle möchte ich die Zuschreibungen und Konstruktionen reflektieren, mit denen wir uns auf diese Party vorbereitet haben. Ich habe mich gefragt, worin die Identität dieses Spielplatzes liegt, wo also die richtungsweisende Information lag, um ein passendes Outfit zu wählen. Und wenn eine Party das Label einer sexuellen Orientierung trägt (gay) und auf dem Veranstaltungscover entsprechende Darstellungen zu finden sind – worin soll diese Ausrichtung bestehen, wenn nicht in einer sexuellen?

Meine Zuschreibungen an das GAYWERK hatten sich mit einer weiteren Überlegung gemischt, und zwar der Theorie des Joining, die Nathalie und ich aus der Systemischen Beratung kennen. Die Idee des Joining ist, dass sich die Beraterin (oder in dem Fall Forscherin) der Klientin oder dem Feld anpasst, um Vertrauen aufzubauen und eine Synchronisation der Erlebniswelten herzustellen. Für eine teilnehmende Beobachtung im Feld ist dieser Schritt ein relevanter, um nicht das „Objekt“ von außen zu betrachten und zu vermessen, sondern um dem „Feld“ von innen näher zu kommen und dadurch genauere und präzisere Ergebnisse zu erzielen. Selbstverständlich bleibt das Erleben immer ein subjektives, der Bericht aus dem Feld immer eine Narration – der Konstruktivismus ist auch durch das Joining nicht mit einer insgeheimen Ontologie zu ersetzen.

Diese Zuschreibung und Überlegung einerseits und die Erfahrung aus der letzten Exkursion andererseits waren die Maßstäbe, anhand dessen wir also unsere Entscheidung trafen. Das war eine verhängnisvolle Entscheidung, die uns später am Abend noch einiges ans Courage kosten würde. Jede von uns hat schließlich dementsprechend tief in ihre Kleiderkiste gegriffen und ein paar Meisterwerke der Bekleidungskunst hervorgezaubert. Dabei handelte es sich in meinem Fall um Stücke, die ich entweder niemals zuvor überhaupt getragen hatte, oder zumindest nicht auf die Idee gekommen wäre, so in der Öffentlichkeit diese Kleidung als Stück meiner Selbst zu präsentieren. In meinem Empfinden war das MEGA OSTER GAYWERK allerdings auch keine Öffentlichkeit im Habermas´schen Sinne der Public Sphere, sondern es handelte sich ja um einen Spielplatz, einen Ort der Fantasie, der Simulation, des „Nicht-Ernst“ – so zumindest meine Annahme zu diesem Zeitpunkt.

All diese Vorüberlegungen und die verfügbare Kleidung ergab ein Gesamtbild, dass sich in unserem Empfinden dem Anlass entsprechend sehen lassen konnte – der Anlass hätte aber auch eine Sankt-Pauli-Faschingsparty sein können.

 

Fitting in – or not?

Es war wenige Minuten bevor wir an der Location ankamen in unseren knappen Outfits und den hohen Schuhen, als sich mir der Gedanke aufdrängte, dass wir als Frauen eventuell gar keinen Zugang zum Event haben könnten. Wir hatten unglücklicher Weise keinen unserer männlichen (wohlgemerkt vorrangig heterosexuell orientierten) Kollegen für unsere Exkursion gewinnen können. Es lag daher der Lösungsvorschlag in der Luft, sich als homosexuelles Paar auszugeben – zwei Frauen, das würde ja passen – aber ein Blick in die Veranstaltungsinfo machte deutlich, dass das kein wirklicher Ausweg war. Das GAYWERK veranstaltet explizit schwule Partys. Mir kamen außerdem Zweifel, ob wir vor allem als ungebetene Gäste und Störenfriede wahrgenommen werden würden. Ich habe mich gefragt: „Wie tolerant sind Schwule gegenüber Frauen? Auf schwulen Partys?“ Der Gedanke war natürlich erstmal ein essentialistischer. „Die Schwulen“, wer soll das überhaupt sein? Natürlich würden es manche in Ordnung finden, andere nicht. Aber würde es spürbar für uns werden? War es in diesem Setting eher „durchschnittlich“ und dementsprechend „normal“, oder völlig ungehörig? Wie funktioniert ein Schwulen-Party-Knigge für Frauen, die vermeintlich rein biologisch von der Zielgruppe aussortiert sind? Würde es eine Mehrheit geben, die unsere Anwesenheit auf eine Weise bewertet? Oder gab es sogar eine entsprechende Door-Policy, die uns ganz einfach den Eintritt verwehren würde? Der kleingedruckte Kommentar „Friends welcome“ war die Hoffnung, an der wir uns festhielten, während wir durch die Nacht schritten.

Als die Türsteher an der Eingangstür unbeeindruckt unsere Taschen durchleuchteten und uns weiter zur Kasse durchwinkten war die Frage geklärt. Frau sein ist kein Ausschlusskriterium, um auf eine Schwulen-Party zu gehen. Genau genommen ist es sogar ziemlich gewöhnlich, wie wir wenig später feststellten. Wieder was gelernt über Rahmen, Ordnung und Habitus.

Die nächste Lektion folgte sogleich. Als wir uns in der Schlange anstellten, um unsere Jacken und Taschen abzugeben, hatten wir die erste Gelegenheit, einen Eindruck von der Party und ihren Gästen zu bekommen. Ich glich die Szenerie mit meiner Zuschreibung ab, die ich mir zuvor zurechtgelegt hatte. Wir sahen einige Gäste mit Ledergeschirr (Link), oberkörperfreie Gäste, und ein paar Drag Queens in schillernden Kleidern. Außerdem konnte ich Männer um die Zwanzig, andere um die Sechzig ausmachen und eine ganze Menge dazwischen. Es war auch vergleichsweise bunt, was die Kleidung der Gäste betrifft und ich sah einige sehr knappe Shorts. Aber der allergrößte Teil der Besucher war für mein Auge völlig durchschnittlich. Eine sichtbare sexuelle Ausrichtung der Party oder ein dem deutschen Querschnitt entgegen gesetzter Körperkult war auf dem MEGA OSTER GAYWERK die Minderheit. Die meisten Männer waren im Achsel-Shirt oder Hemd und Jeans gekommen.

Während ich mich also bei der Exkursion ins Super Schwarze Mannheim vor allem unpassend, weil zu prüde in meinem Outfit gefühlt habe, fühlte ich mich in diesem Fall vor allem unpassend, weil zu overdressed (oder ist in dem Fall die Bezeichnung not-dressed-enough passender?). Es war die praktische Erkenntnis aus der Theorie, wenn auch nach allem Vorangegangenen keine große Überraschung, dass die Passung der Sichtbarkeit und die Angemessenheit von Ästhetik sich einzig und allein durch die Mehrheit des Körperdiskurses bestimmt. In anderen Worten: Wenn alle halb nackt sind, ist halb nackt sein kein großes Ding. Nathalie und ich waren einen Moment lang verunsichert wie sehr wir diesen Körperdiskurs (zumal als Frau) hier überstrapaziert hatten. Dieses Gefühl der Verunsicherung hielt sich, solange bis ein bis auf die Schuhe komplett nackter hoch gewachsener Mann an uns vorbei lief Richtung Dancefloor. „Okay… Whatever…“, zuckten wir mit der Schulter und nahmen die Situation wie sie war: facettenreich.

Party with the gays – or not?

Wir begannen den Abend mit einer Ortsbegehung. Ich wollte Nathalie die Location zeigen und wir begannen im Obergeschoss damit. Es war recht viel los und wir schlängelten uns durch die Massen von Männern, die von uns zwar Notiz nahmen, aber relativ wenig Aufmerksamkeit an uns verschwendeten. Nachdem wir den Mainfloor im Obergeschoss gesehen hatten auf dem EDM Musik lief und einen kleineren angeschlossenen Trance-Floor wollte ich Nathalie den dritten sehr kleinen Floor zeigen, den ich ja bereits kannte. Wir holten uns also an der Bar ein Getränk und da der Zugang zu diesem Floor über zwei Wege möglich ist, kam mir die Idee den kürzeren Weg zu nehmen und hinter der Bar um die Ecke zu laufen.

Es war ein dunkler Gang, was mich erstmal nicht überraschte. Besonders hell war dieser Gang nie gewesen. Am Ziel angekommen wunderten wir uns allerdings doch, denn es war weder Musik, noch Beleuchtung, geschweige denn tanzende Gäste zu sehen. Irgendwas war anders. Dies war ein anderer Raum. Wir sahen ein paar einzelne Gestalten an uns vorüber huschen, in irgendwelche für mich nicht erkennbare Ecken verschwinden und wiederum andere, die aus der selben Richtung kamen und in eine andere Richtung an uns vorbei liefen. Mein erster Gedanke war, dass dieser Floor offenbar geschlossen war. Es war nicht bevor eine Security vor uns auftauchte, uns mit einer kleinen Taschenlampe ins Gesicht leuchtete und uns zu verstehen gab, ihr zu folgen, bis ich verstand, was das war, wo wir so mir nichts dir nichts hineingelaufen waren. „Der Darkroom ist nur für Männer“, erklärte uns der mittelgroße, muskulöse Mann, der vom Connex angestellt war, zum Beispiel um Frauen wie uns die Ordnung des Raumes zu erklären. Es dauerte keine dreißig Sekunden, bis ein weiterer Mann sich zu unserem Gespräch dazugesellte. Beide trugen die häufigste Kleidungskombi, die ich an diesem Abend gesehen habe: Muskelshirt (mit den zugehörigen Oberarmen eines Boxers), Jeans, Stoffschuhe, kurze Haare. Der zweite Mann kam gerade aus dem Darkroom und stellte sich zu uns vor den Eingang. Er war es auch, der innerhalb kürzester Zeit folgende Fakten über die Security herausfand: Seine sexuelle Orientierung war ungeklärt oder zumindest wollte er diese nicht offenbaren, aber immerhin erklärte er, dass er sich das MEGA OSTER GAYWERK als Termin herausgesucht habe um dort zu arbeiten. Wir erfuhren außerdem, nach einem längeren Rätseln über die Ursprünge seiner Hautfarbe, dass er Perser sei und in Mannheim wohne. Irgendwie konnte sich der Security Angestellte dann aber doch von seiner kleinen Belagerung lösen und wir blieben zurück mit dem Mann, der all diese Fragen gestellt hatte.

Erst jetzt fielen mir die „FOR MEN ONLY“ Schilder auf, die diesen Raum als exklusiven Raum markierten – als ein Tabu im ursprünglichen Sinne, ein Ort, der nur einer bestimmten Elite unter bestimmten Umständen zugänglich ist, weil dort etwas möglich wird, was außerhalb dieses Raumes nicht möglich ist. Ein machtvoller Raum, in dem Regeln des Diskurses außer Kraft gesetzt sind, ein anderer Rahmen für andere Gesetze. Es handelt sich unter dieser Prämisse um einen Spielplatz par excellence.

Unsere neue Bekanntschaft, der Mann aus dem Darkroom, der schätzungsweise Anfang 30 war, berichtete nun in einer euphorischen Detailtreue, was dort und an anderen „versteckten“ Räumen des Connex vor sich ging. Es war einer der Momente, in dem ich mich mit einer anderen Welt konfrontiert sah, die mir ebenso fern wie faszinierend vorkam. Der Darkroom im Connex erscheint mir wie ein exemplarischer Raum dessen, was ich als Körperkonsum bezeichnen möchte. Wenn die Ausführungen unseres Gesprächspartners korrekt waren, und leider hatten wir nicht die Mittel (oder das richtige Gender) um seine Berichte zu bestätigen, dann zeichneten sich diese Räume durch eine aus meinem Erfahrungsrepertoire unvergleichlichen Effizienz aus. Der Konsum von Sex wurde durch einen scheinbar unbegrenzten Zugang zu dazu bereitwilligen Subjekten möglich. Er übersteigt den häufig hypothetischen Zustand von „Wir könnten uns näher kommen.“ zu einem hyperrealen „Wir kommen“. Dieser Darkroom wurde für mich zu einem Sinnbild der sexuellen Rationalisierung, einen auf den Zweck ausgerichteten Minimalaufwand zum Erreichen eines Ziels: Sexy Times.

Unser neuer Freund erklärte uns, mit wem der an uns vorüberstreifenden Männer er heute bereits Sex hatte, wer heute seinen zickigen Freund dabei hatte und deshalb unantastbar war und schließlich wie er anhand der Physiognomie der Männer erkennen konnte, wie diese aussehen an den Stellen, die wir nicht sehen konnten. Schließlich teilte er noch seine Berufswünsche mit uns (Blowjob-Coach für Heterofrauen) und sein Weltbild über den Zusammenhang von Geschlecht und Charakter, das ich hier nicht weiter ausführen werde.

Ganz im Stile des Raumes verabschiedeten wir uns daraufhin knapp und freundlich, wünschten uns noch ein schönes Leben und gingen unserer Wege.

Joining or consuming – or not?

Als nächstes machten wir einen kleinen Zwischenstopp auf den Frauentoiletten – die mehrheitlich weder von Frauen, noch für einen Toilettengang genutzt wurden – und gingen anschließend ins Erdgeschoss.

Auf den zwei Floors unten verbrachten wir auch den restlichen Abend. Auf dem kleineren lief Old School Hip Hop aus den 90er Jahren (Dr. DRE, DMX, Kayne West, Snoop Dog, Jay Z etc.). Auf dem großen liefen die Charts-Hits dieser Tage, größtenteils Songs von oder über starke Frauen, bei denen mir der Gedanke kam, dass sie ebenso gut von meiner Female Fantastics Playlist auf Spotify stammen könnten (Single Ladies von Beyonce, My Humps von The Black Eyed Peas, What You Waiting For von Gwen Stefanie, Ain´t Your Mama von Jennifer Lopez etc.). Außerdem lief auf beiden Floors etwa vier oder fünf Mal der Song Swalla von Jason Derulo, zu dem hin und wieder eine Konfetti-Kanone gezündet wurde und golden-glitzernde Konfettistreifen auf die tanzende Menge herabrieselten. Die Tanzflächen waren die gesamte Zeit über sehr voll mit ausgelassen tanzenden Männern und einigen wenigen ebenso ausgelassenen Frauen dazwischen, die eher die visuelle Ausnahme waren. Mir ist aufgefallen, dass es viel Interaktion zwischen den Partygästen gab, es wurde viel miteinander gesprochen oder miteinander gesungen und getanzt. Ich konnte außerdem beobachten, wie schnell der Kontakt zwischen Neuankömmlingen entstand. Die Atmosphäre wirkte auf mich aufgeschlossen.

Es kam dementsprechend den restlichen Abend über immer wieder zum Kontakt und Austausch mit anderen Männern, was uns insofern überraschte, als dass wir davon ausgegangen waren, entweder uninteressant oder ungebeten zu sein. Wir waren offenbar weder noch. Ich fühlte mich jedenfalls geduldet und in den meisten Fällen war es, wie Nathalie beschrieb, als wäre im Connex eine große Girls-Night-Out. Es war witzig und albern. Und diese Distanz des Humors war es auch, die Annäherungen unproblematisch machte, die wir in einem Raum mit einem anderen Regime wohlmöglich nicht zugelassen hätten oder der wir zumindest mit größerer Vorsicht begegnet wären. Was auch immer sexuell aussehen könnte (und eventuell auch so gemeint war), wurde in unserer Wahrnehmung Teil des Spiels, Teil des allgemeinen Habitus und damit weniger persönlich und schließlich von jeder Ernsthaftigkeit befreit, die eine ähnliche Geste außerhalb dieser Wände bedeutet hätte. Mit den Worten einer Kollegin ausgedrückt war es ein Abend, an dem wir schließlich die Schutzschilde fallen ließen zugunsten unserer Zuschreibung, ohnehin nicht Objekt der Interesse zu sein und von den Räumen des sexuellen Konsums ausgeschlossen zu sein. Um diese Darlegungen greifbar zu machen, werde ich ein paar Szenen beschreiben.

Als wir gerade auf dem Hip Hop Floor zu Ante Up tanzten, schob sich ein großer schmaler Mann zwischen uns, der schätzungsweise Mitte 30 war und in Südeuropa biologische Wurzeln haben könnte. Er machte zunächst keine Anstalten einer von uns wirklich näher kommen zu wollen und es lief darauf hinaus, dass wir gemeinsam den Song mitsingend im Kreis tanzten. An irgendeinem Punkt entschied sich eben jener Mann dafür, dass er lieber ohne Oberteil tanzen wollte und außerdem mit uns eine Kostprobe seiner zugegeben unerwarteten Bauchtanzkünste zu teilen. Die Situation kam mir ebenso unerwartet wie selbstverständlich vor (es gab auch im Umfeld keinerlei erkennbare Reaktionen) und wir blieben mit dem starken Willen, sich dem Feld anzupassen entsprechend souverän. Das heißt wir tanzten mit ihm für eine Weile. Die Situation löste sich nach einem weiteren Song auf und alle zogen ihrer Wege. No Strings attached.

Eine andere Situation ergab sich, als wir gerade unter dem Konfetti-Regen auf dem Mainfloor kurz vor dem DJ-Pult zu Single Ladys tanzten. Neben uns hatte sich ein kleiner Kreis von jungen Männern formiert, die den Beyonce Handshake zu „If you like it, you should put a ring on it!“ (Link) in der Mitte ihres Kreises machten. Es dauerte nicht lang und einige von ihnen drehten sich zu uns, um den Song mit uns weiter zu singen und schließlich uns in ihren Kreis aufzunehmen.

Wenig später gesellte sich eine Drag Queen mit hellbraunen Korkenzieher-Locken, einer dramatisch in Szene gesetzten Wimperverlängerung und einem schwarzen Minikleid auf 20 cm Heels zu uns. Sie hatte einen Freund dabei, den sie kurzerhand stehen ließ um Nathalie zum Tanzen aufzufordern. Nathalie akzeptierte diese Einladung und wenig später ergab sich ein für meine Augen ungewohntes Bild von einer schmalen Frau in einem phänomenalen Kleid, die eigentlich ein Mann ist, die ihre Rückseite mit größter Euphorie an Nathalies Vorderseite rieb, lauthals „I ain´t your Mama“ singend.

Und wie bei allen Begegnungen an diesem Abend dauerte auch diese nur ein paar Minuten an, bis sich alle beteiligten herzlich voneinander verabschiedeten um neue Kontakte an der nächsten Ecke zu knüpfen.

Mir wurde deutlich, dass welche dominierende Machtpolitik auch immer die Geschlechterinszenierung und -regulierung Räume normalerweise strukturierte, sie hier in ihren sonstigen Regularien nicht weiter gültig zu sein schien. Oder besser: Hier schien eine andere Machtpolitik zu herrschen, ein anderes Regime den Rahmen dieses Raumes zu setzen und zu füllen.

Playground – or not?

Auch, wenn es nicht meine eigene Idee war, bin ich dennoch dem Vorschlag gefolgt zum GAYWERK eine Exkursion durchzuführen und somit bleibt die Frage: Ist eine Party für männliche Homosexuelle ein Spielplatz?

Nein: Wenn ich den Spielplatz als den Ort des Als-Ob, der Simulation, des Rollen-Spiels verstehe, was häufig in anderen Spielplätzen ein entscheidender Faktor ist, dann lautet die Antwort wohl für die allermeisten Besucher „nein“. Eine sexuelle Orientierung ist für einen Großteil der so verorteten Partygäste kein „so-tun-als-ob“, kein „Spiel“ im Sinne Huizingas, sondern ein „im Ernst“. Genau genommen ist Homosexualität in der gesellschaftlichen Realität (und welche Realität wäre an dieser Stelle sonst relevant für die Einteilung in Ernst / Spiel?) ein überaus „ernstes“ Thema mit hoher politischer Brisanz. Symptomatisch für diese empirische Beobachtung waren die Banner der Pro-LGBT-Organisation mit dem Slogan „Verliebt – Verlobt – Verfolgt“, dass an mehreren Stellen des Connex für die Diskriminierung homosexueller Männer sensibilisierten. Die Tatsache, dass es Lobby-Arbeit auf einer Party gibt, verweist auf die Gegebenheit, dass hier eine Lobby (hier: eine Interessensgruppe mit politischer Agenda) die Gelegenheit zur Sichtbarkeit und somit zur Ermächtigung im Diskurs nutzt. Die Positionierung im Diskurs des Möglichkeitsraumes ist wohl die Definition per se, etwas „im Ernst“ zu meinen.

Ja: Genau hierin könnte die MEGA OSTER GAYWERK Party dennoch ein Spielplatz sein. Mit Jean Baudrillard gesprochen ist es ein hyperrealer Ort, ein Raum, an dem etwas Scheinbares mit einer Realität zusammentrifft und gemeinsam über-real wird. Die scheinbare Realität wie es sei, homosexuell zu sein, ist an wenigen Orten so erlebbar und so konsumierbar, wie an einer Party des GAYWERK. Gemeinsam produzieren die Partygäste eine Identität, eine Kultur, ein Regime, dass für diesen Raum für die Dauer der Party diskursbestimmend ist und als Ordnung den Raum strukturiert. Durch diese Hyperrealität, dem Realisieren des Scheinbaren, wird die Party zu einem fantastischen Ort: einem Ort der Fantasie, oder wie es Baudrillard wohlmöglich bezeichnen würde: zu einem Ort der Verführung. (Baudrillard 1992; Baudrillard 1997)

Von Erving Goffman haben wir gelernt, dass das Subjekt in einem ständigen Rollenspiel seine Identitäten (re)produziert. Das tut es auch an dem Ort, den ich als Möglichkeitsraum bezeichnen würde und genau genommen ist es eine der Facetten, der den Möglichkeitsraum definiert: das korrekte Ausführen von sozialer Identität. Im Falle des GAYWERK gibt es zwei Facetten, die es als Möglichkeitsraum ausschließen: Zum einen erklärt Goffman, dass zu der Performance einer sozialen Rolle ein dramatisches Repertoire gehört (etwa Kleidung, Gestik und Mimik, eine Kulisse, Sprache, Rollenangebote, Handlungen, Konsumprodukte etc). Eine Rolle braucht das richtige Maß an „Beweis“, damit sie „ernst“ genommen wird. Zu wenig lässt das Publikum an der Kompetenz der Rollenidentität zweifeln. Das Spielen der Rolle wird sichtbar und der Spielende kann seine Zuschauer nicht von seiner Rolle überzeugen. Andererseits ist ein „zu viel“ der dramatischen Inszenierung für das Publikum ebenso irritierend. (Goffman 2003)

In der hyperrealen Art und Weise, wie die einige Partygäste sich vor allem in ihrem dramatischen Repertoire als schwul (oder als Drag Queen) inszenierten, rückt ihre Performance aus dem Möglichkeitsraum heraus in Richtung Unmöglichkeitsraum und somit auf den Spielplatz. Die Hyper-Realität der Identitätsfacette „homosexuell“ macht das GAYWERK zum Spielplatz, auf dem erlebt werden kann, was sonst so nicht erlebbar ist. Dies würde in der Konsequenz bedeuten, dass das GAYWERK ein Spielplatz ist für manche, eine Definition, die ich grundsätzlich für hilfreich halte. Ob, in welchem Maß, mithilfe welcher Dramaturgie und mit welchen Konsequenzen ein Partygast in seinem Empfinden eine homosexuelle Identität (re)produziert, ist eine Frage des Fallbeispiels und nicht der Location.

Zum anderen deutet allein die oben erwähnte Lobby-Arbeit der LGBT-Szene darauf hin, dass es bei der Inszenierung von Homosexualität nicht um ein gesellschaftlich korrektes Ausführen von Identität handeln kann, solange schwul / lesbisch sein ein gesellschaftlich repressives Randphänomen im öffentlichen Raum ist. Solange die Sichtbarkeit von Homosexualität aus dem Möglichkeitsraum verbannt wird (und diese Verbannung akzeptiert wird), muss der Raum für eine sichtbare Homosexualität (und eventuell für eine sichtbare Sexualität im Allgemeinen) ein Spielplatz sein, dessen Präsenz zumindest zwischen Möglichkeits- und Unmöglichtkeitsraum angesiedelt ist. Unter dieser Prämisse wäre das GAYWERK ein Spielplatz im Sinne von einem Platz, an dem das gesellschaftlich tabuisierte gesellschaftlich erlaubt / ermöglicht wird.

Insgesamt war die Exkursion zum GAYWERK besonders für die weitere Ausbuchstabierung des Forschungsfeldes „Spielplatz“ hilfreich. Es zeigt sich anhand der Feldforschungen immer klarer, welche Parameter für die Forschung relevant werden. Es handelt sich hierbei nebenbei bemerkt um genau die an anderer Stelle benannte abduktive Methode, mit der ich arbeiten möchte: Die Theorieentwicklung am Feld und die Auswahl und das Betrachtes des Feldes anhand dieser Theorieentwicklung und so weiter: der hermeneutische Zirkel.

Ebenso ist eine neue Ebene deutlich geworden, die möglicherweise (die zukünftigen Exkursionen werden es zeigen) ebenfalls für den Spielplatz bedeutsam sein könnten: Die Ebene dessen, was ich als Körperkonsum beschreiben würde. Wenn Slavoj Žižek vom hyperrealen Kulturkonsum in der virtuellen Welt spricht (Žižek 2002), so ist der Spielplatz der Ort, an dem das Subjekt sich in seiner analogen Körperlichkeit erlebt und konsumiert. Ähnlich wie Žižek würde ich dieses Prozedere als den Konsum seiner Selbst beschreiben, allerdings nicht als Konsum seiner virtuellen Identitäten, sondern als Konsum seiner simulierten Identitäten, die körperlich auf allen sinnlichen Ebenen wahrnehmbar werden. In diesem Punkt wird auf dem Spielplatz für die Dauer des Spiel die Trennung von Kultur-Natur aufgelöst. Wo Sigmund Freud erklärt, dass Kultur das Ergebnis der Unterdrückung von Lust ist (Freud 1994), würde Körperkonsum das Gegenteil bedeuten: Die Kultur, in einer simulierten Welt, in einem von dem Möglichkeitsraum abgeschirmten Rahmen mit dafür eigens hergestelltem Regime Lust an der eigenen Körperlichkeit zu erfahren – ja zu konsumieren in einer hyperrealen Intensität.

Literatur:

Baudrillard, Jean (1992): „Von der Verführung“, München: Matthes & Seitz.

Ders. (1997): „Der symbolische Tausch und der Tod“, München: Matthes & Seitz.

Freud, Sigmund (1994): „Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften“, Frankfurt am Main: Fischer.

Goffman, Erving (2003): „Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag.“, München: Piper.

Žižek, Slavoj (2002): Kulturkapitalismus, in: Ders: „Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versche über Lenin.“; Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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