Die Schöpfung der Hölle

Der mächtige Dante und die Popkultur

Die Hölle als Topos hat in der europäischen Kulturgeschichte ihre Tradition. Als Ort der Strafe, des Todes oder des Leids ist sie nicht nur ein literarisches Sujet im jüdischen, christlichen oder islamischen Glauben, sondern ihre Geschichte reicht viel weiter in die Vergangenheit. So können wir ihren Namen auf die nordische Göttin Hel zurückführen. Die Wächterin über Helheim herrscht über die Unterwelt, in die alle diejenigen Verstorbenen eingehen, die nicht im Kampf sterben und denen deshalb der Zugang zu Walhalla versagt bleibt. Hier ist bereits das Narrativ eines wünschenswerten postmortalem Lebensort (Walhalla) und einem, mit negativen oder zumindest ambivalenten Emotionen aufgeladenen Gegenort (Hel oder Helheim) zu finden.

Des Weiteren kennt die griechisch-hellenistische Mythologie einen Ort, der Hades genannt wird. In dieser Totenwelt sind gemäß den Geschichten alle Verstorbenen vereint, können dort allerdings auch von den Lebenden besucht werden oder, in seltenen Fällen, von dort zurückgeholt werden. Der Hades mag zwar etymologisch in einer Rezeptionslinie mit dem deutschen Wort Hölle stehen, mythologisch gibt es aber einen weiteren Ort, der dem abrahamitischen Bild einer Hölle ähnlicher ist: der weit unterhalb des Hades liegende Tartaros, ein Ort der gerechten Strafe, der ewige Qualen vorbehält für diejenigen, die es verdient haben. Wen das betrifft, ist eine andere Frage.

Hierzu wurden in der Kulturgeschichte unterschiedlichste Institutionen beauftragt, die vor allem eine Kompetenz besitzen: Die legitime Entscheidungsmacht über Gut und Böse. Der Vorteil an der Verbeamtung einer solchen Figur (etwa die drei Totenrichter Aecus, Minos und Rhadamanthus, die germanische Göttin Hel, der jüdische, christliche oder islamische monistische Gott und so weiter) ist die Gewissheit, dass durch diese Personifizierung der Gerechtigkeit ein fairer und unfehlbarer anmutender Richter entscheidet und im Umkehrschluss alle Wesen in der Hölle dort zurecht sind.

Dies als Voraussetzung gesetzt, soll unser Blick auf die Geschichte der Hölle in Dantes Göttlicher Komödie gelegt werden. Dante Alighieri, ein italienischer, christlich verorteter Schriftsteller des frühen 14. Jahrhunderts, greift in seinen Werk auf dieses kulturelle Wissen seiner Leserschaft zurück (Etwa: die Hölle ist eine qualvolle Unterwelt, in der eine an höherer Stelle angeordnete gerechte Strafe abgeleistet wird für diejenigen, die Böses getan haben). In 34 Gesängen erschafft Dante in seiner Divina Commedia eine Welt, in der er allegorisch seine soziale Realität zum Ausdruck bringt. Er hat sozusagen auf neun Höllenkreisen aufgeräumt, ein Mapping der Weltordnung vorgeschlagen.

Er bedient sich hierzu verschiedener Stilmittel, etwa einer seines Erachtens kompetenten Autoritätsfigur (der Dichter Vergil), die ihn auf seiner Reise begleitet. Außerdem ist Dante bereits Experte in der Strategie, welche in der Popkultur auch heute noch angewendet wird: er verkauft seine neuen Ideen mittels alter Ideen. Seine Zeichnung der Hölle füllt er mit Figuren aus der griechischen und römischen Mythologie, der Astrologie und Alchemie, eben der kompletten Farbpalette der popkulturellen Ausdrucksrepertoires des italienischen 14. Jahrhunderts. Mit anderen Worten: Dantes Hölle ist wie ein ultra angesagtes (und unheimliches) Marvel Universum, das Best-Of der beliebtesten Super-Schurken aus 1500 Jahren Geschichten-Erzählen. Wenn Dante schreibt: „„Medusas Haupt! auf, laßt es uns enthüllen“, dann bringt er auf ziemlich coole Weise zum Ausdruck: Here is some seriously wicked stuff going on. Es besteht die Gefahr, dass es das Letzte ist, was ich jemals sehen werde. Er muss das nicht erklären, denn er kann davon ausgehen seine Leser kennen die Geschichte der Medusa. Das macht das Geschichten-Erzählen nicht nur sehr viel effizienter, sondern die Geschichte bietet dem Leser auch bekannte Bilder an. Sie wird annehmbarer, weniger fremd oder absurd, denn sie arbeitet mit bereits akzeptierten Strukturen und bekannten Narrativen. Ein bisschen lässt sich das vergleichen mit dem Zitieren von Quellen zum Beleg der eigenen Aussage.

Nun, mal abgesehen vom literarischen Ausdrucksvermögen Dantes, warum ist seine Hölle so mächtig? Die Darstellung eines sich verengenden Trichters, der von „etwas böse“ zu „super böse“ in die Tiefe reicht, erscheint wie eine Kartographie Dantes Lebensrealität. Er ordnet die Welt, in dem er „sündhafte“ Eigenschaften und Verhaltensweisen der Menschen den neun Kreise der Hölle zuordnet. Sein literarisches Ich bereist diese Kreise und scheint als ein Chronist der göttlichen Ordnung, die (da von Gott) absolut, gerecht und richtig ist. Das Amt des Gottes, der unfehlbar und gerecht entscheidet und schöpft, hat in diesem Werk, wenn wir darüber nachdenken, Dante selbst inne. Denn er ist es, der diese Geschichte schreibt, der allerlei mythologische Helden und Antihelden zur Unterstützung seiner Architektur einsetzt und der zudem einige seiner Zeitgenossen auf dem ein oder anderen Höllenkreis abwirft. Dabei handelt es sich um einige seiner bekannten politischen Gegner. Sag es durch die Blume. Oder in Dantes Fall: durch die Hölle.

Das allein würde Dantes Hölle zu einer literarisch gut recherchierten und fabelhaft ausgemalten Satire machen. Sie könnte politische Auswirkungen auf Dantes Welt haben, also in etwa dieselbe Macht, wie Jan Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan. Aber darüber hinaus hat Dante etwas geschafft, worüber er sich sicherlich gefreut hätte, wenn er es nur geahnt hätte. Seine Geschichte ist Teil des Kanons europäischer mythologischer Literatur geworden. Er, der sich der Farben und Formen der Popkultur seiner Zeit bedient hat, ist zur Popkultur der nächsten Generation geworden. So erklärt Metzger (2016), dass seine Hölle eine der einflussreichsten Werke für die heute vorherrschenden Vorstellungen dieses Topos ist.

Lesson learned: Die Hölle als Ort der gerechten Strafe ist in ihrem Aussehen und ihren Bewohnern in sich gerechtfertigt, da es eine Figur der absoluten Gerechtigkeit gibt, die alles so entschieden hat. Diese Figur ist in Falle der Göttlichen Komödie die historische Person Dante Alighieri, der Schöpfer der Hölle geworden ist, wie sie heute noch von vielen gedacht und begriffen wird. Dantes Hölle ist aus kulturgeschichtlicher Perspektive ein gelungenes Beispiel für die Verknüpfung von Popkultur und Politik und die Macht desjenigen, der die Kompetenz hat, populäre Narrative aufzugreifen und weiter zu stricken.

Metzger, Paul (2016): „Der Teufel“, Wiesbaden: marix verlag.

Alighieri, Dante (2009): „Die göttliche Kommödie“, Köln: Anaconda.

Zur PDF des Textes siehe hier.

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