Das Begehren und das Nichts

Ich halte die kalten Finger auf die Lippen gepresst und zähle in Gedanken langsam bis zehn. Wenn es dann noch immer nicht weg ist, dann … Ja was dann?

„Es wird nicht weg gehen“, sagt ein älterer Mann hinter mir, der mit überschlagenen Beinen in seinem grünen Ohrensessel sitzt, die Pfeife in einer ununterbrochenen oralen Befriedigung in den Mund geschoben und den höchst abschätzigen Blick auf meinen Rücken geheftet. Ich höre das Klackern des Pfeifenstils zwischen seine Zähnen. Als würde er die eigene Bewaffnung überprüfen. Mit dem Stöhnen eines müden, alten Mannes hieft er sich aus dem Sessel und kommt näher. Dann spüre ich seine Worte in meinem Nacken. „Das wird niemals weg gehen. Es ist Teil des Menschseins. Und hier haben wir es offensichtlich – “ er schreitet jetzt neben mich und betrachtet meine Finger, die noch immer gegen meinen Mund gedrückt sind „- mit einem Menschen zu tun. Ein recht gewöhnliches Exemplar, möchte ich meinen.“ Er kichert leise in seinen gestutzten Bart und schiebt die Pfeife in den anderen Mundwinkel. „Entzückend. So ein fabelhaft gewöhnliches Musterbeispiel.“

„Durchaus, ja.“, höre ich jetzt eine zweite Stimme. Eine deutlich jüngere, aber ebenso entschiedene. Ein Zweiter steht am anderen Ende des Raums an den Rahmen der Tür gelehnt. Schlicht, groß, schlank. „Nur ein Muster wofür, ist die Frage, werter Kollege.“ Der Mann neben mir zieht ruckartig und scharf die Luft ein. Ich schließe die Augen und zähle erneut bis Zehn. Seine Schritte entfernen sich von mir. „Das ist doch völlig offensichtlich.“ Der Zweite bewegt sich ebenfalls in den Raum. Seine Schritte sind sachter. Er bewegt sich so leise, dass ich mit den geschlossenen Augen nicht sagen kann, wo er genau steht. Dann spüre ich seine Hand auf meiner Schulter. Sie ist leicht und kühl. „Sehen Sie doch. Atemnot, offensichtliche Einschränkung der Sprachfähigkeit, höchst wahrscheinlich Schwindel. Und dann diese Finger auf dem Mund.“, sagt er. „Es ist doch eindeutig Angst, mit der wir es hier zu tun haben.“ „Ich würde sagen, neurotische Angst.“, höre ich den Ersten. Die Hand auf meiner Schulter verschwindet wieder. „Aber was ist die Ursache dieser Angst? Das ist doch die interessante Frage.“, murmelt der Zweite leise. Ich spüre seinen Blick auf meinem Gesicht. Meine Finger verkrampfen sich. Mein Herz schlägt immer schneller. Meine Beine drücken sich in den Boden.

„Wie dieser Mensch sich anstrengt, nicht aus der Form zu fallen! Faszinierend! Sehen sie nur!“ Der Erste freut sich, er jubelt fast. „Höchst aufschlussreich“, flüstert der andere wieder. „Das Gefühl der Angst hat so einen versteinerten Ausdruck, finden Sie nicht auch?“ „Ja, ganz eindeutig. Sie scheint sich enorm anzustrengen, meinen Sie nicht?“ „Ja. Sie versucht etwas zwangsweise festzuhalten, würde ich sagen. Diese zusammengekniffenen Augen! Diese angespannten Kieferknochen! Und die ganze Figur! Sieht aus, als würde sie mit aller Kraft den eigenen Trieb unterdrücken. Verdrängung, ganz eindeutig.“, sagt der Erste, indem er langsam seine Kreise um mich dreht. „Ganz im Gegenteil.“, entgegnet der Zweite mit seiner stillen Stimme. „Sie versucht etwas abzuwehren. Sie ist auf der Flucht vor etwas.“

Ich spüre meine Finger jetzt nicht mehr. Ich habe alles Blut aus meiner Hand gepresst und meine weißen, kalten Knöchel stehen in den Raum wie Eisberge. „Nun, wir werden uns doch wohl darin einig sein, dass sie eine Störung hat. Und zwar eine Störung in ihrem Begehren.“, zischt der Erste wütend. „Begehren, durchaus.“ „Sie ist scheinbar in der Sorge, ihr Begehren nicht erfüllt zu sehen. Kastrationsangst. Sie hat doch ganz offensichtlich existenzielle Angst davor, nicht das Objekt zu erlangen, nachdem sie begehrt. Wie sie die Hand vor den Mund hält! Als wollte sie sich damit eine Ersatzbefriedigung verschaffen.“ Und mit einem weiteren Klackern der Pfeife zwischen den Zähnen fügt der Erste noch hinzu: „Sie könnte eine ganz fabelhafte Alkoholikerin werden, ist meine Einschätzung.“ Der Zweite atmet tief und lange aus. Ich kann ihn nicht mehr gehen hören. Scheinbar ist er stehen geblieben. Als er spricht, verstehe ich, dass er Stirn an Stirn mit mir steht.

„Eine Störung von Begehren, ja. Darin sind wir uns wohl einig. Aber meiner Einschätzung nach ist es nicht ihr Begehren, unter dem sie leidet. Es ist vielmehr die Angst vor dem Begehren, mit dem sie sich geschlagen sieht. Sehen sie nur die Stirn, wie sie in Falten gelegt ist. Das gesamte Gesicht ist doch verschlossen, in sich gekehrt und im Begriff in sich selbst hinein zu flüchten. Und die Hand erst! Sie versucht doch ganz offensichtlich ihren Mund zu schützen.“ Seine Stimme wabert im Raum wie eine Nebelwolke.

„Schwachsinn! Was sie jetzt braucht, ist die Befriedigung ihres Begehrens. Die Auflösung von der Trennung zu ihrem Objekt. Sie will es ganz für sich vereinnahmen.“ „Ich schätze darin liegen sie falsch. Sie braucht ganz im Gegenteil den Mangel an befriedigtem Begehren! Die Gelegenheit, ein eigenes Begehren überhaupt wieder entwickeln zu können! Denn ganz offensichtlich ist sie überflutet mit dem, was an sie heran getragen wird. Mit dem Begehren Anderer!“ „Das ist doch Wahnsinn! Sie braucht nicht weniger! Sie braucht mehr!“ „Unsinn. Das, was sie am aller meisten fürchtet, und auch fürchten sollte, ist das Begehren Anderer. Das, was sie erwarten würden, wenn sie sich nicht davor schützte… An dessen Ende, dessen völliger Erfüllung, steht doch nichts, als der Tod und das Ende. Recht hat sie, sich davor zu ängstigen!“

Der Erste schweigt jetzt einen Moment. Ich höre das Knistern von verbrennenden Tabak. Dann verrät mir das Rascheln von Stoff, dass er sich offensichtlich wieder in seinen Sessel gesetzt hat. „Lacan, Sie sind jung. Sie haben einen anderen Blick auf die Dinge als ich.“ Als der Zweite antwortet, hört er sich entfernt an, als sei er wieder dort, von wo aus er gekommen war. „Das ist, denke ich, offensichtlich. Sie, geschätzter Herr Freud, haben die Grundsteine gelegt. Aber ein Fundament ist noch kein Turm, nicht wahr?“ Einen Moment lang spricht keiner. Langsam lasse ich die Hand sinken. Sie ist taub, kalt und schwer. Ich fühle mich erschöpft und ich friere. Ich will aus dem Raum stürmen, wer weiß wohin. Aber noch bevor ich die Augen öffne, höre ich, wie der Erste wieder spricht. Er sagt in ruhiger und nachdenklicher Stimme: „Selbst wenn Sie Recht haben, und sie sich tatsächlich besorgt fragt, was andere von ihr wollen, gibt es doch eines, dass sie noch deutlich mehr ängstigt. Nämlich, dass es Nichts ist.“

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