Paradiesvogel

Ich lebe auf einer Insel. Sie ist klein und voller Pflanzen. Das Meer fließt um sie herum oder vielleicht ist sie es auch, die im Meer schwimmt. Meine Insel ist voller kräftiger Blumen, die morgens inbrünstig ihre Blüten aufklappen, um die ersten Strahlen der Sonne aufzunehmen und abends in der Dämmerung ihre Köpfe demütig beugen. Auf meiner Insel pulsiert die Luft. Sie ist dick von Blütenstaub und Hitze. Sie schwirrt um meine Flügel. Sie trägt mich und ich gleite auf ihr durch die Nacht und den Tag. Sie ist so fest, dass ich nicht in ihr herunter fallen kann. Ich bin geboren auf dieser Insel. Meine Mutter hat mir die ganze Insel zum Nest geschenkt. Jeder Ast ist mein Zuhause, jedes Blatt ist mein Dach. Ich kenne jedes Lied auf dieser Insel, denn die meisten habe ich selbst erfunden. Ich singe sie jeden Tag und fliege durch die warme, schwere Luft dabei.

Nichts hat mir je Angst gemacht, nichts hat mich je bedroht, nichts hat mir je die Luft zum Atmen genommen. Ich habe nie gefroren auf meiner Insel und jedem Gewitter fasziniert und neugierig zugesehen. Ich habe die Blitze beobachtet, wie sie gewaltig über den Himmel schießen und sich tausendfach in den Wellen rund um meine Insel spiegeln. Das Meer ist silbern und golden, wenn es gewittert. Die dicken Tropfen rascheln auf den Blättern über mir und ich rücke näher an meine Freunde, die warm sind und trocken. Ich habe nie Hunger oder Durst gehabt. Jede Frucht gehört mir auf meiner Insel und jede Pfütze ist klar und frisch. Ich kenne die tiefsten Höhlenklüfte und ich fliege über die spitzen Gipfel der Berge auf meiner Insel. Ich versuche ihre größten Schätze zu entdecken. Ich frage mich, was wohl das Schönste und Wertvollste darauf ist. Ich bin mir sicher, dass ich es irgendwann finden werde.

Als sie das erste Mal auf meine Insel kommen, entdecke ich sie mit größtem Entzücken. Ich weiß nicht, wie sie ihren Weg hierhin gefunden haben. Sie sind plötzlich da und als ich sie sehe weiß ich sofort, ich will sie unter meinen Flügeln spüren. Als ich mich auf ihre Köpfe und Schultern setze, sind sie verwundert und ich kann mir einfach nicht erklären, warum. Sie greifen nach mir und ich lasse mich greifen. Als sie mich in den Händen halten, wissen sie nicht, was sie mit mir anfangen sollen. Ich sehe es in ihren Augen. Also lassen sie mich wieder los. Ich bleibe sitzen wo ich bin und schaue sie an, wie sie mich anschauen. Dann stupsen sie mich mit ihren Fingern an und lachen. Ich picke zurück und lache ebenfalls. Davon erschrecken sie und lassen mich fallen. Ich gleite zurück in die dicke, warme Luft meiner Insel. Das war ein lustiges Spiel, denke ich und fliege glücklich in Kreisen über die Strände. Es sind fantastische Wesen, denke ich und ich fühle mich noch etwas reicher, jetzt wo sie auf meiner Insel sind. Vielleicht sind sie mein größter Schatz, denke ich mir.

Von da an kommen sie öfter zu Besuch. Bald bin ich bereits gespannt auf sie und fliege ungeduldig über die Baumwipfel, in der Hoffnung sie schon in der Ferne zu erblicken. Sie kommen manchmal in kleinen Holzschachteln, manchmal einfach wie sie sind durch die glitzernde Gischt geschwommen. Es sieht wunderschön aus, wenn sie sich durch das Meer auf mich zu bewegen, denke ich und fliege auf und nieder. Mein kleines Herz schlägt wie verrückt. Ich begrüße sie am Strand und flattere aufgeregt um ihre Leiber. Es werden Vertraute, sie gehörten mir mit Haut und Haaren, wie mir die Blumen, Früchte und Berge meiner Insel gehören. Ich zupfte an ihren Haaren und krabbele in ihre Ärmel. Sie bringen mir Körner und fremdes Obst. Ich singe für sie meine Lieder und sie singen mir ihre.

Eines Tages, der genauso bezaubernd schön ist, wie jeder Tag auf meiner Insel, kommen sie mit anderen, die ich noch nicht kenne. Ich zwitschere für sie so schön ich kann und flattere um ihre Gesichter. Da ergreift mich einer und drückt zu. Erst denke ich es sei wieder ein Spiel und quietsche vergnügt. Dann wird es mir ein bisschen eng in seiner Hand und ich sage es ihm. Aber er hört mir scheinbar nicht zu. Ich höre die anderen jaulen und weiß nicht wieso, bis ich ein ohrenbetäubend lautes Knacken höre, als brächen alle Bäume meiner Insel in einem Satz um. Ich schreie so laut ich kann und er lässt mich aus seinem Griff los. Ich falle herunter und die warme, dicke Luft ist nicht dick genug, um mich aufzufangen.

Es dauert sehr lange, bis ich vom Strand in den Wald gelaufen bin. Ich wusste bis jetzt nicht, wie es sich läuft auf meiner Insel, die ich nur aus der Luft kenne. Meine kleinen Füße sinken im trockenen Sand ein und mein abgeknickter Flügel schleift hinter mir her. Ich hinterlasse eine sehr eigenartige Spur im Sand denke ich, als ich über meine Schulter zurück sehe. Als ich unter dem Blätterdach ankomme und mich meine Mutter findet, verbindet sie mich und hält mich warm, denn bis heute war nicht bewusst, wie kalt es auf dem Erdboden unterhalb der dicken, warmen Luft ist. Ich weine und bin so überrascht davon, dass ich lachen muss. Das ist also Kummer, denke ich und schließe die Augen, um zu schlafen.

Als ich nach einigen Wochen die ersten Flugversuche starte, als ich endlich wieder auf die niedrigen Äste komme und schließlich auf die Wipfel, als ich nach größter Anstrengung einen ersten Kreis über die Bergspitzen wage und mich erschöpft und ein bisschen zitternd neben meine Mutter auf einen warmen Stein setze, fragt sie mich, ob es das wert war. „War was es wert?“, will ich wissen und sie hüpft auf der Stelle auf und ab. „Die Fremden am Strand zu besuchen. Andere Vögel fliegen davon, wenn Fremde kommen.“ Ich denke darüber nach, während die Sonne auf meinen Kopf scheint. Ich frage mich, warum sie zugedrückt haben, und ich frage mich warum meine Mutter meine fantastischen Wesen Fremde nennt. Und am meisten frage ich mich, wann sie wohl endlich wiederkommen. „Es sind keine Fremden. Sie gehören mir. Sie sind doch hier her gekommen. Auf meine Insel. Ich muss sie nur noch zähmen…“ Meine Mutter legt den Kopf zur Seite. „Mein Kind, sie gehören dir nicht.“ Ich schlucke. „Was meinst du damit?“, frage ich leise. „Sie sind frei, so wie alles hier. Und genau so, wie du frei bist. Sie haben die Freiheit, das zu tun.“ Sie zeigt auf meinen Flügel.

Ich schweige einen Moment. Ich strecke meine Flügel und betrachte meine Federn. Sie sind bunt, so bunt wie alle Blumen auf meiner Insel und sie leuchten im Licht der Sonne. Ich lege den Kopf in den Nacken und atme die warme, schwere, süße Luft ein. „Ich würde lieber hin und wieder riskieren einen Flügel zu brechen, um hin und wieder aus Fremden Vertraute zu machen, als immer davon zu fliegen.“ flüstere ich in den Wind und lache, weil es wahr ist. „Dann hast du jetzt das, was du wolltest.“, zwitschert meine Mutter weise. „Jetzt besitzt du den größten Schatz auf dieser Insel. Dir gehört die größte Freiheit.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.