Homer und Hybris

Was macht den Menschen aus? Im letzten Beitrag dieser Reihe habe ich behauptet, es sei das Geschichtenerzählen. Natürlich würde ich das tun, allein schon aus narzisstischen Gründen, so als Geschichtenerzählerin.

Der Stoff aus dem Geschichten gemacht sind, das ist bei Homer der Konflikt. Etwas passt nicht, ist nicht wie es sein sollte. Es ist nicht die Harmonie, sondern der Krieg, nicht die Gleichmütigkeit, sondern das Problem, dass Menschen bestimmt und zum Handeln antreibt. Eine Odyssee ist im heutigen Sprachgebrauch der Ausdruck für ein ewig andauerndes und anstrengendes Drama, das erst nach langem Kampf einen glücklichen Ausgang nimmt. Homer, der Geschichtenerzähler aka Historiker aus der griechischen Antike, ist der Autor des Originals. Menschsein sei ein „agonales Prinzip“; bedeutet gegen etwas anzukämpfen, so die Zusammenfassung seiner Idee von dem Philosophen Wolfgang Pleger. Anstatt mit dem zu schwimmen was ist, sei der Mensch davon besessen, gegen das anzukämpfen, was anders ist oder besser sein könnte. Auseinandersetzung, Konflikt, Krieg, Streit, Kampf, Leid, all das sind die Grundpfeiler unseres Dramas. Homer beschrieb mit dieser Darstellung seine Lebensrealität: eine Welt in der das Leben in der Realität durch körperliche oder politische Missstände und in der Fiktion durch das üble Mitspielen der Gött:innnen gefährdet ist. Der Mensch ist in diesem Spiel vor allem derjenige, der stirbt. Pleger hält das nicht nur für eine Tragödie, sondern auch für eine narzisstische Kränkung für die Dichter der Antike. Wenn die Vergleichsfolie unterbliche Götter sind, ist ein Mensch eher eine Enttäuschung.

Natürlich wollen wir diesen Stachel so nicht sitzen lassen. Nein, er muss gezogen werden, wenigstens in unserer Fantasie. Was also könnten wir Besseres tun, als uns über die Maßen zu überschätzen? Uns größer, fabelhafter, stärker, schlauer, mächtiger, schöner – schlichtweg, nach dem antiken Gött:innenbild göttlicher – zu erträumen? Im Kampf miteinander und mit denjenigen, die per Definition besser sind als wir (Gött:innen) müssen wir nicht nur antreten, nein wir müssen auch siegen und triumphieren. Und wenn es uns ein halbes Leben kostet, in dem wir mit einer Horde gleichbekloppter über die See fahren, eigentlich mit dem Wunsch ausgestattet zuhause zu sein. Aber wehe wir wagen uns heim, bevor wir nicht ein paar Seeungeheuer, Riesen, Hexen und Gauner geschlagen haben. Das Prinzip der Selbstüberschätzung, die Hybris ist was Homer dem Menschen zum Verhängnis denkt. Wenn Odysseus seine Existenz als sterblicher Mensch akzeptiert hätte, wäre er dann früher bei Penelope gewesen? Hätte er ihr einige Stunden der lästigen Teppichknüpferei ersparen können und einigen seiner Männer das Leben verschont? Wäre Troja frei geblieben, wenn eine Frau, die sich gegen eine Ehe entschieden hat, einfach nur eine Frau geblieben wäre, die sich gegen eine Ehe entschieden hat? Hätte Achilles überlebt, wenn er seinen Zorn gezügelt hätte und seinen erschlagenen Gegner Hektor nicht im Wahn am Karren durch den Dreck gezogen hätte?

Aufgestachelt durch die offensichtliche Unterlegenheit gegenüber einer Gött:innenwelt versenkt sich die Menschheit im Größenwahn und vergeht daran, so Homers Beobachtung. Seine erzieherische Maßnahme ist die Einführung des rechten Maßes, das später in der Schule der Stoiker vertieft wird. Maß halten, Respekt zeigen und sich an die göttlichen Regeln und menschlichen Gesetze halten ist der Weg zum Glück, der teuer erkauft und erlernt werden muss. Homers Lösung liegt in dem Problem, das er aufdeckt: Der Endlichkeit und Begrenztheit des Menschen. Grenzen zu respektieren und zu akzeptieren ist das Ziel, die erhabene Lektion.

Die Odyssee ist großzügig gesprochen 3000 Jahre alt. Mit anderen Worten: sie ist echt richtig alt. Das Leben ist heute ein anderes. Wir haben Bürgerrechte, eine Sozialversicherung und einen Ausweis zur Stadtbibliothek, in der wir uns Homer ausleihen könnten, aber stattdessen lieber den Da Vinci Code lesen oder Harry Potter. Darüber hinaus haben wir ein Bankkonto und der größte Teil von uns lebt ein einem relativ angenehmen Mittelklasseleben. Leid und Krieg sind archaische Ereignisse, die sich allerhöchstens in Netflix Serien oder im Leben „der armen Kindern in Afrika“ abspielt. Die wenigstens der in Deutschland lebenden Personen mussten Kriegserfahrungen sammeln und diese Wenigen sterben entweder langsam aus oder sind relativ mundtote Geflüchtete. Sie nehmen kaum Sichtbarkeit ein und die eingenommene Sichtbarkeit in der Peripherie unseres Lebensgenusses stört uns und wird zunehmend weiter ausquartiert.

Wir hingegen sind und können im Grunde alles. Gegen unser Leben können die griechischen Gött:innen, die auf einer Bergspitze herumsitzen mussten, einpacken. Wir haben die Grenzen der menschlichen Existenz weit nach außen verschoben und Hybris ist in unsere Lebenspraxis kein Fehler, sondern sie gehört zum guten Ton. Wenn ein Virus um sich schlägt und uns zur solidarischen Isolation zwingt, sind wir in unserer Grundannahme verletzt, unsterblich gesund und dauerhaft frei zu sein. Sterben tun die anderen, und zwar im Unsichtbaren Raum. Tourismus auf den Mond? Ein eigenes Auto und Haus für jede Person? Was könnte schon falsch daran sein? Spannen wir unsere Wachsflügel auf und segeln wir der Sonne entgegen! Was könnte schon schief gehen?

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