Über Geheimwissen. Eine Exkursion nach unten. (Teil 3)

Dritte Etappe. Der dunkle Wald. Über Kryptodoxie

Wir haben einen strammen Marsch hinter uns und kommen vom Feld zum Waldrand. Der Wald wächst langsam in die Wiese, oder vielleicht ist es auch die Wiese, die in den Wald wächst. Jedenfalls können wir erkennen, dass es ein allmählicher Übergang ist. Erst stehen die Bäume weit auseinander. Dann werden sie immer dichter, je weiter wir in den Wald eintreten. Am besten bleiben wir jetzt nah beieinander, um uns nicht zu verlaufen.

Nach einer Weile finden wir eine kleine Fläche, die von Bäumen umrundet ist. Hier ist ein guter Ort, um eine Pause einzulegen. „Ich kann ein Feuer machen“, meldet sich jetzt eine Mitreisende zu Wort, sagen wir sie heißt Monika. Na, das wäre doch mal ein Anfang. Wir gehen los und sammeln ein paar trockene Zweige und Äste. Dann stapeln wir sie in der Mitte der Fläche und Monika zieht ein Feuerzeug aus ihrer Hosentasche. Naja, also das ist ja so halb abenteuerlich, Monika. Ein echter Feuerstein wäre doch jetzt aufregender gewesen. Aber gut, wir nehmen, was wir haben und bald knistert ein kleines Feuer im Wald, das Licht ins Dunkle bringt. „Ist das nicht gefährlich?“; fragt Karl. „Ein Feuer im Wald? Also wenn es blöd läuft, fackeln wir den ganzen Wald ab! Ich meine ja nur. Umweltschutz.“ Monika zuckt mit den Schultern. „Ach ich glaube ja sowieso nicht, dass es in diesem Wald irgendetwas gibt, das verbrannt werden könnte.“ „Außer vielleicht der Wald selbst?“, versucht es Karl nochmal. Monika seufzt. „Also gut, wir begrenzen das Feuer.“ Sie holt ein paar Steine und legt sie um die brennenden Stöcke. Dann drückt sie das Feuer mit einem größeren Ast runter, sodass die Flamme niedriger wird. „Zufrieden?“, fragt sie. Und Karl ist zumindest bereit, die angebotene Veränderung mit Schweigen hinzunehmen.

„Was meinst du, es gibt hier nichts, was nicht verbrannt werden sollte?“, fragt Friedrich enttäuscht und setzt sich im Schneidersitz an Monikas Feuer. „Ich dachte wir entdecken hier was Interessantes.“ Monika rümpft die Nase. „Ich glaube das ist alles ein Märchen. Mit dem Wald und dem bösen Wolf darin und so weiter. Das gibt es doch gar nicht wirklich.“ Sie setzt sich ebenfalls ans Feuer. Karl lehnt sich gegen einen Baum und beobachtet das Gespräch aus der Distanz. „Ich glaube wir sind hier ganz allein. Sonst wäre das doch längst bekannt. Als ob sich wirklich noch Geheimnisse halten würden in der Zeit der Wissensgesellschaft.“ Und dann gibt sie Friedrich einen Stupser gegen die Schulter. „Kein Grund, sich verrückt zu machen.“

Während Monika und Friedrich miteinander über die Möglichkeit und die Unmöglichkeit von Geheimnissen verhandeln, nähern sich plötzlich Schritte. Karl, der sie zuerst hört, schrickt auf und ruft: „Still! Da kommt einer!“ Und tatsächlich taucht wenige Augenblicke später eine junge Frau auf und tritt in den Kreis des Lichtkegels. „Guten Abend“, sagt sie mit einem Nicken in die Runde. Sie trägt eine Jeans und einen beigen Trenchcoat und hat eine feste, freundliche Stimme. Die Hände in den Taschen vergraben fragt sie, ob sie sich zu uns setzen darf. „Sicher, es ist noch Platz am Feuer.“, lädt Friedrich sie ein. Monika schaut sie skeptisch an, sagt aber nichts weiter. „Wir sprechen gerade darüber, dass sich nichts in diesen Wäldern verbirgt.“, nimmt Friedrich wieder den Gesprächsfaden auf. „Das ist richtig.“, pflichtet die Frau ihm bei. „Wusste ich es doch!“, ruft Monika und klatscht sich auf den Oberschenkel. „Hier gibt es gar nichts außer Bäume und Gräser.“, erklärt die Frau weiter in einer ruhigen und melodischen Stimme. „Ich selbst gehe hier täglich lang und habe noch nie irgendetwas Bemerkenswertes beobachten können.“ Sie zieht ihre manikürten Hände aus den Jackentaschen und zaubert eine Packung Zigaretten hervor. „Raucht einer von euch?“, bietet sie ihre Zigaretten an. „Nein“, antwortet Friedrich und auch Monika schüttelt den Kopf.

„Ich rauche eine.“, ruft Karl jetzt und kommt ebenfalls ans Feuer. Er setzt sich der Frau entgegen und sie hält ihm eine Kippe hin. Es ist Karl anzusehen, dass er ihr nicht ganz traut. Er legt die Stirn in Falten, während er an seiner Zigarette zieht. Sie rauchen einen Moment schweigend miteinander. Bis auf das frustriete Seufzen von Friedrich und das Knistern der Flammen ist es still im Wald.

„Wie kommt es, dass eine Person wie sie hier täglich entlang spaziert, so weit entfernt von der Bergspitze? Und noch dazu um diese Uhrzeit?“, will Karl jetzt wissen. Die junge Frau sieht ihn schweigend an. Ihre Mine sagt nichts. Nach einem kurzen Moment antwortet sie: „Es beruhigt mich. Nach der Arbeit.“ „Nach der Arbeit gehen Leute ein Bier trinken oder im Park spazieren. Sie laufen nicht durch die dunkelsten Wälder. Noch dazu ist es bereits Nacht. Bis wann arbeiten Sie denn genau? Und was arbeiten sie?“ Die Frau zieht an ihrer Zigarette. Ihr abgepudertes Gesicht blickt starr in die Flammen. Mit gepresster Stimme antwortet sie schließlich: „Kellnerin. Ich gehe kellnern. Deswegen bin ich erst so spät unterwegs.“ „Eine Kellnerin, die sich täglich nachts im Wald herumtreibt. Eine Kellnerin, deren Hände weder Schwielen noch Hornhaut haben. Eine Kellnerin die…“ „Jetzt hör doch mal auf, Karl!“, ruft Monika empört. „Du benimmst dich unmöglich. Und selbst wenn sie keine Kellnerin ist, du erzählst ja auch nicht wildfremden Menschen einfach deine Lebensgeschichte. Ich kann total verstehen, dass sie keine Lust hat, dir ihr gesamtes Leben auf die Nase zu binden.“ Die junge Frau lächelt. Auf dem Filter ihrer Zigarette bleibt der Abdruck ihres Lippenstifts zurück. Sie schmeißt den Filter in die Flammen und steht auf.

„Gut. Ich gehe jetzt nach Hause. Und das solltet ihr auch tun.“ Monika nickte. „Ja, finde ich auch. Ich hatte genug Reise für heute. Und ich habe nicht vor, an diesem schmutzigen Ort zu schlafen.“ „Warum sollten wir nach Hause gehen?“, hakt Karl nach, der ebenfalls aufgestanden ist. Die junge Frau, die bereits zum Gehen abgewandt ist, dreht sich noch einmal um. Sie musterte Karl von Kopf bis Fuß. „Weil es kalt ist.“, sagt sie schließlich. „Und ihr seht nicht aus, als wärt ihr für die Kälte vorbereitet.“ Dann wendet sie sich endgültig ab und verschwindet zwischen den Bäumen. „Es ist übrigens verboten, im Wald Feuer zu machen.“, klingt ihre Stimme noch zu uns durch. Dann ist sie fort.

Während unsere drei Mitreisenden der Frau verblüfft nachsehen, können wir uns einmal kurz überlegen, was sie gerade von sich preis gegeben haben. Monika ist das, was Schetsche als Skeptikerin bezeichnet. Sie gehört zu der Oberkategorie des Unwissenden und stellt infrage, ob es ein Geheimnis überhaupt gibt und auch jegliche Wahrheit, die ein solches Geheimnis beinhalten könnte. Er schreibt über sie: „Die soziale Wirklichkeit hat der eigenen Weltanschauung zu folgen – eine Prüfung des Einzelfalls scheint entbehrlich.“ (Ebd. 39).

Friedrich, der bereitwillig glaubt, was Monika ihm sagt, ist der Typus des Getäuschten und gehört ebenfalls zu der Oberkategorie des Unwissenden. Anders als Monika stellt er nicht eine bestehende Vermutung infrage, sondern er lässt sich von ihr und von der jungen Frau überzeugen, es sei die Wahrheit. Wenn Friedrich sagt, dass sich im Wald nichts verbirgt, dann lügt er nicht, obwohl er die Unwahrheit sagt (Vgl. ebd. 37). 

Dann ist da diese Frau, die nicht so recht in den Wald passt, aber ansonsten diskret zu wirken versucht. Sie ist eine Dissimulantin. Sie tut so als wären die Dinge anders, als sie sind. Indem sie sich so verhält, schützt sie das Geheimnis und diejenigen, die davon wissen oder sogar eingeweiht sind. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Existenz des Geheimnisses unentdeckt bleibt. Es ist nicht klar, ob sie selbst nur Mitwisserin ist (also weiß, dass es ein Geheimnis gibt), oder ob sie sogar Wissende ist (also weiß, was das Geheimnis ist). Dieser Zweck heiligt für sie die Mittel, deshalb ist es für sie kein moralisches Problem zu lügen, ja es ist sogar ihre unbedingte Pflicht und Aufgabe.

Und schließlich haben wir noch Karl, der ungemütliche Fragen stellt und weder Monika Recht geben will, noch der Frau glaubt, was sie sagt. Er ist ihr auf den Fersen und sie hat es ebenfalls bemerkt. Und auch Monika merkt es und ruft ihn zur Ordnung auf. Es wäre ja noch schöner, wenn er jetzt auch noch etwas aufdecken würde, das sie versucht zu verneinen. Karl gehört zu der Kategorie des Suchenden.  Aus irgendeinem Grund weiß er von dem Geheimnis, er kennt nur nicht seinen Inhalt. Er ist schon auf dem direkten Wege, ein Mitwisser zu sein und ihm ist es egal, ob er deshalb unhöflich wird. Er wird die Sache nicht auf sich beruhen lassen, so viel ist sicher.

Was ist es, dass er vermutet zu finden? Was versucht die Dissimulantin geheim zu halten? Was möchte die Skeptikerin ausblenden? Es ist unser drittes Etappenziel, denn direkt vor unserer Nase, ohne dass wir es sehen können liegt es bereits.

*3 Das verborgene Geheimnis

Das Geheimnis dritter Ordnung ist das verborgene Geheimnis. Es ist sowohl inhaltlich geheim, als auch in seiner Existenz geheim. Es handelt sich um eine sogenannte „reflexive Geheimhaltung“ (ebd. 44). Es darf also niemand, der nicht eingeweiht ist, überhaupt wissen, dass es ein Geheimnis gibt. Es werden somit die Inhalte des Geheimnisses geschützt, aber auch die Personen, die es miteinander teilen: die Wissenden und die Mitwisser.

Ich habe das verborgene Geheimnis im Schatten des Waldes eingezeichnet. Schetsche benutzt selbst die Bezeichnung des Schattens und weißt damit auf die geringe Sichtbarkeit des verborgenen Geheimnisses hin. Es kann von Unwissenden nicht erkannt oder gefunden werden. Das Wissen dieses Geheimnisses ist abgeschnitten von der Wirklichkeitsordnung des Alltags. Dafür sorgen verschiedene „Absicherungsmechanismen“ (ebd. 69) sowohl der Geheimnisträgerinnen, als auch der Wächter der orthodoxen Wirklichkeit. Beide können Interesse daran haben, das verborgene Geheimnis von dem Wissensbestand der Wirklichkeit oben auf dem Hügel fernzuhalten. Diese Wirklichkeitsordnung ist vor dem Wissen des Geheimnisses getrennt, obgleich das Kenner des Geheimnis auf das Wissen dieser Wirklichkeitsordnung zugreifen können.

Wenn wir also nicht mehr in der Wirklichkeitsordnung der Bergspitze Orthodoxie befinden (dem rechten, legitimen Wissen) und das hier verortete Wissen nicht einmal damit in Kontakt kommt, wie es in dem weiten Feld der Heterodoxie noch der Fall ist (dem anderen, alternativen Wissen), wo sind wir dann? Unser Weg hat uns in diesen dunklen Wald geführt, in dem wir nur Schatten sehen und wenige Schritte weiter nicht mehr die Hand vor den eigenen Augen erkennen werden. Wir befinden uns bereits mitten in der Kryptodoxie, dem geheimen, verborgenem Wissen. Was bedeutet das?

Schetsche erklärt, dass es sich hierbei um all jenes Wissen und damit verbundenen Praktiken handelt, die „nicht mit der kulturell geltenden Wirklichkeitsordnung kompatibel sind“ (ebd. 55). Es ist aus Perspektive der Bergspitze so sehr im Dunkeln, so unsichtbar, dass es wirkt als existiere die Kryptodoxie überhaupt nicht. „Aber warum sollte das passieren? Warum sollte Wissen so abgeschieden werden?“, fragt eine Mitreisende und legt die Stirn in Falten. „Und vor allem wie?“, pflichtet ihr eine andere in ihrer Irritation bei. Es handelt sich hierbei um Wissen, dass „kulturell von vorn herein nicht gewusst werden soll.“ (ebd.67). Der Wald der Kryptodoxie ist dort gewachsen, wo eigentlich nichts sein darf und in der Wirklichkeit der Orthodoxie auch nichts ist. Die Beispiele für kryptodoxes Wissen, die Schetsche hierfür nennt, sind etwa Beobachtungen von Wissenschaftlerinnen, die gegen das Wirklichkeitsverständnis ihrer Disziplin verstoßen, das Sexualitätswissen von Kindern und magiebezogene Wissensbestände innerhalb der Gesellschaften der Gegenwart (Vgl. ebd. 56-63).

Es gibt unterschiedliche Bedingungen, unter denen dieser Wald entstehen sein kann. Eine Möglichkeit ist das kulturelle Tabu. Das sind die Dinge und das Wissen um sie, die gesellschaftlich verboten sind. Nur weil sie verboten sind, heißt das aber nicht, dass sie deswegen völlig verschwunden sind. Vielleicht ist es sogar so, dass sie durch ihr explizites Verbot erst recht da sind, nur eben nicht im Sichtbaren, sondern im Unsichtbaren. Es kann sein, dass es irgendwann sogar verboten ist, das Tabu beim Namen zu nennen. Das gelebte Tabu und das Reden über tabuisiertes Wissen liegt in der Kryptodoxie. Ein Teil der Kryptodoxie ist also gerade das Kondensat von Verboten. Es gibt eine Vielzahl von Tabus, die in der Vergangenheit plötzlich aus der Kryptodoxie in die Orthodoxie / Heterodoxie gespült wurden, um dann entweder wieder zurück geschoben zu werden oder einen Platz in der alltägliche Wissens- und Handlungsordnung zu bekommen. Um ein paar Beispiele zu nennen: Homosexualität im Profi-Männerfußball, Depressionen als Volkskrankheit, Kinderpornographie, sexuelle Übergriffe in der Unterhaltungsindustrie oder allgemein in Hierarchie-Strukturen (me-too Debatte).

Eine weite Möglichkeit ist, dass es Wissen gibt, das den Deutungsschemata der Wirklichkeitsordnung widerspricht und deshalb ausgesondert werden muss. „Wie bitte?“, fragt ein Mitreisender und verschränkt die Arme. „Was genau willst du sagen?“ Ok, ich sehe ein, das müssen wir kurz genauer betrachten. Hinter dem Wort Deutungsschema liegt eine Theorie, und zwar dass die Wirklichkeit, wie wir sie sehen nicht ungefiltert und „pur“ in unseren Kopf kommt, sondern wir eine Brille tragen und auch nur durch diese Brille sehen können. Falls jemand bereits in einer 3D-Kino-Vorstellung war, wird diese Person die Idee nachvollziehen können. Ohne die Brille für die Kinoleinwand sehen wir nur verschwommene Fetzen. Alles ist unscharf und es könnte alles Mögliche dort auf der Leinwand zu sehen sein. Das Deutungsschema, das wir mit unserer Erziehung und Sozialisierung lernen, ist wie die 3D-Brille, mit der wir das Bild erkennen können. Setzen wir sie auf, sehen wir die Bilder. Und das wichtigste für eine Gemeinschaft: Wir sehen alle das selbe Bild. Wenn jetzt jemand heimlich am Kino-Eingang noch alternative Brillen einschmuggeln würde, beispielsweise mit einer anderen Tönung oder einer Sehstärke darin, dann würden die Träger dieser Brille ein anderes Bild der Wirklichkeit auf der Kinoleinwand sehen. Wenn es nun sehr wichtig ist, dass alle das selbe Bild sehen, zum Beispiel weil daraus Informationen gezogen werden sollen, wie das Leben miteinander ablaufen soll, sind diese Alternativ-Brillen ein Problem.

„Ja ok, aber auf der Kino-Leinwand ist ja trotzdem immer das selbe Bild. Also wenn die einen jetzt ne pinke Brille haben, was soll das schon groß ausmachen?“, insistiert der Mitreisende. Gut, versuchen wir noch einen anderen Vergleich.  Ich habe eine Zeichnung. In ein und derselben Abbildung können zwei Bilder gesehen werden. Hier gibt es ganz offensichtlich zwei Deutungen der Wirklichkeit.

Bildquelle:
https://psydok.psycharchives.de/jspui/bitstream/20.500.11780/3666/1/Kippbilder_psydoc_11052011.pdf

Die Orthodoxie zeichnet sich ja vor allem durch ihre Eindeutigkeit aus. Eine andere Deutung des selben Bildes kann die orthodoxe Wirklichkeit gefährden. Wenn die zentralen Annahmen wie die Dinge sind ins Wanken geraten, worauf ja alles andere aufbaut, könnte das die Gesellschaft fundamental verändern. Der Mitreisende ist noch nicht überzeugt. „Also wenn wir jetzt sagen: Das da ist ein Hase. Und wenn jemand dann sagt es ist eine Ente, bricht die Wirklichkeit zusammen? Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“

Jetzt stell dir mal vor, dieses Bild wäre nicht einfach eine Zeichnung, sondern für eine Gesellschaft eine heilige Offenbarung, wie der Mensch auf der Welt sein Leben zu führen hätte. Auf Basis der Annahme, das hier sei ein Hase würden ganze Zivilisationen unter der Erde in Erdhöhlen leben, sich von Möhren ernähren und ihre Methode mit Konflikten umzugehen wäre das Davon-Hoppeln. Wenn dann einer daher käme und sagen würde: „Hey, sieh an, eine Ente!“, dann würde das System kollabieren. Dann müsste das Leben aus der Höhle an den See verlagert werden, dann müsste das Fliegen gelernt werden und Möhren sind auf einmal auch das völlig falsche Lebensmittel. Die komplette Struktur der Alltagswirklichkeit müsste überdacht werden.

Kryptodoxe Deutungsschemata können die Wissenschaften betreffen, ebenso wie religiöse Überzeugungen, aber auch politische Einstellungen. Sie werden von Personen geteilt, die in der orthodoxen Wirklichkeit gefährdet wären. Für ihr Überleben (das der Personen als auch der Deutungsschemata) ist die Kryptodoxie das richtige Biotop. Schetsche schreibt über das verborgene Geheimnis als Form der Kryptodoxie: „Das Geheimnis kann […] zur Überlebensnotwendigkeit werden, wenn das betreffende Wissen […] sozial hoch stigmatisiert ist und seine Träger kulturellen oder auch politischen Sanktionen ausgesetzt wären, würden sie sich zu diesem Wissen bekennen.“ (ebd. 73).

Soweit also zur Ortsbegehung. Weiter geht die Reise.

Michael Schetsche ist Wissenssoziologe und Forschungsmitglied des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene. Sein Band Panorama des Unsichtbaren ist 2019 im Logos Verlag Berlin erschienen.

Literatur:

Banzhaff, Hanjo (1986): Das Tarot-Handbuch. München: Hugendubel.

Berger, Peter L. und Luckmann, Thomas (engl. Orig. 1966) (1991): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Fischer.

Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Merten, Klaus (1999): Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Münster: LIT Verlag (Grundlagen der Kommunikationswissenschaft, 1).

Schetsche, Michael (2019): Panorama des Unsichtbaren. Berlin: Logos Verlag Berlin.

Schetsche, Michael; Schmidt, Renate-Berenike (2016): Einleitung: Außergewöhnliche Bewusstseinszustände in der Moderne. In: Rausch Trance Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände. Bielefeld: transcript, S. 7–33.

Schetsche, Michael; Schmied-Knittel, Ina (Hg.) (2018): Heterodoxie. Konzepte, Traditionen, Figuren der Abweichung. Köln: Halem.



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