Was ist Othering?

Wenn wir diese englische Wortschöpfung auf ihre Bestandteile zurück verfolgen, erhalten wir einmal das Wörtchen „other“ (engl.: anders / andere) und die grammatische Endung „ing“ für die Verlaufsform. Sie verweist darauf, dass hier etwas aktiv getan wird. Etwas ist hier im Gange. Etwas, oder viel eher noch jemand, wird aktiv ge-andert, also zu einem Anderen gemacht.

Frage: Wann passiert das, wer würde das tun und warum? Antwort: Jeden Tag, wir alle und… Ja, das ist der Knackpunkt: Warum? Wir haben einen richtig guten Grund dafür. Aber eins nach dem anderen.

Um die Identität einer Person oder Gruppe zu beschreiben, treffe ich immer eine Auswahl. Ich könnte zum Beispiel dieselbe Person beschreiben als Menschen, Frau, Richterin, Mutter, Deutsche, Kölnerin, Rockträgerin, Raucherin, Südostasien-Urlauberin, Volleyballspielerin, evangelische Christin, Vegetariern, Krimi-Leserin, Fairtrade Shopperin, Gitarrenspielerin, usw. Je nach Kontext wähle ich eine Kategorie aus und treffe dabei auch die Entscheidung, ob ich mich auf Unterschiede oder Gemeinsamkeiten mit dieser Person fokussieren will.

Othering meint den Vorgang, wenn ich jemanden zu einem Anderen mache, als ich es selbst bin. Im Kleinen bedeutet es, ich mache jemanden zu einem Gegenüber, der nicht ich ist. In dem Finden der eigenen Identität ist diese Unterscheidung existenziell und konstitutiv. Ich weiß wer ich bin, auch indem ich weiß, wer ich nicht bin, und zwar du.

Mit dem Begriff Othering ist aber ein anderer Schwerpunkt gesetzt, und zwar ein politischer, der im größeren Stil ein Problem für eine demokratische Gesellschaft wird. Die Entscheidung, wie ich jemanden oder eine Gruppe betrachte, hat eine politische Tragweite, weil ich damit ein solidarisches Wir-Gefühl erzeugen kann, oder ein befremdetes oder konkurrierendes Ihr-Gefühl. Genau wie bei der Abgrenzung der Ich-Person von der Du-Person sichern Gruppen ihre Identität ab, indem sie andere Personen(gruppen) ausgrenzen und zu ihrem „Anderen“ machen.

Damit ziehe ich eine Grenze zwischen dem, was ich behaupte zu sein und dem, was ich dem anderen zuschreibe zu sein. Diese Grenze wird schnell zur Ausgrenzung. Auf diese Weise werden Menschen der Zugang zu Ressourcen, oder mit anderen Worten das Mitmachen untersagt. Sie sind draußen. Was wir dann beobachten können ist Diskriminierung: Menschen werden aufgrund der Kategorien, die ich ausgesucht habe, um sie zu beschreiben, benachteiligt und ausgeschlossen.

Es liegt etwas sehr Machtvolles darin, jemanden als „den Anderen“ zu erklären. Othering ist nicht nur der Prozess, bei dem ich mich orientiere. Othering ist auch der Prozess, in dem ich jemanderen ver-andere und somit ver-ändere. Von jemanden oder einer Gruppe als „das Andere“ bezeichnet zu werden wird mein Bild über mich selbst mit der Zeit beeinflussen. Wir können beobachten, wie Menschen Zuschreibungen wer und wie sie seien mit der Zeit übernehmen und integrieren. Sie werden zu dem, was über sie gesagt wird. Dabei sagt der Inhalt des Otherings wohl sehr viel mehr aus über diejenigen, die jemanden ver-andern als über die ver-anderte Person selbst.

Literatur:

Kerstin Kazzazi, Angela Treiber, Tim Wätzold (Hrsg.) (2016): „Migration – Religion – Identität. Aspekte transkultureller Prozesse“, Wiesbaden: Springer.

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