Was sind Sprech-Akte?

Was sind nochmal Handlungen?

Wenn wir an die Schule zurück denken, erinnern wir uns vielleicht an Sprachunterricht, beispielsweise an Deutschunterricht. Irgendwann haben wir mal gelernt, dass es verschiedene Wörter gibt, darunter auch die Tu-Wörter, oder auch Verben genannt. Verben sind Wörter, die eine Handlung anzeigen und benennen. Sie erklären, was jemand oder etwas tut.

Manche wenige Handlungen funktionieren alleine (nachdenken, seufzen, träumen, schlafen) und andere funktionieren mit anderen Menschen oder Objekten zusammen (mit jemandem tanzen, ein Spiel spielen, an einer Aufgabe mit Werkzeug arbeiten, mit jemanden etwas essen, mit jemanden über etwas diskutieren, etwas oder jemanden betrachten, über eine Oberfläche in einem Raum gehen).

Quantitativ betrachtet funktionieren die meisten Handlungen (und so auch die meisten Verben) mit einem Objekt (also etwas, mit dem etwas zusammen passiert). Deshalb ist die klassische Satz-Konstruktion in der deutschen Sprache: Subjekt (also die Handelnde Person) + Verb (das Wort, das eine Handlung anzeigt) + Objekt (etwas, worauf sich die Handlung bezieht). Hier ein paar Subjekt + Verb + Objekt Satzbeispiele, die so auch im Deutschunterricht hätten drankommen können:

  • Ich sehe dich.
  • Du kaufst einen Apfel.
  • Der Hund frisst den Apfel. (Ja, es gibt Hunde, die Äpfel fressen!)
  • Ein Auto fährt über die Straße.
  • Tante Anna reist nach Mexiko. (Interessanter Weise sind es bei deutschen Sprachbeispielen oft irgendwelche Verwandte, die in ein scheinbar exotisch gedachtes Land verreisen, was offenbar eine nennenswerte Angelegenheit ist. Ich finde es sagt ein bisschen was über die sehnsüchtigen Sprachwissenschaftler:innen und Pädagog:innen in staubigen Büros und Klassenzimmern aus.)

Mit Sprache handeln?

Auch wenn wir grammatikalisch gedacht reden als Verb kennen, gilt reden bei vielen nicht als Handlung. So fordern manche gefrusteten Bürger, die Politik solle handeln, statt zu reden. Im Englischen gibt es die Redewendung: „Actions speak louder than words.“ (Deutsch: Handlungen sprechen lauter [gelten mehr] als Wörter). Geschwätz, Small Talk, Monologe, Gelaber, all das sind Wörter, die darauf hinweisen das gesprochene Wort sei für sich nicht viel wert, gar wirkungslos und in jedem Fall einer Handlung unterlegen.

Die Sprech-Akt-Theorie und daran anschließend die Theorie kommunikativen Handelns sieht das anders. Es ist die Überlegung, dass wir mit gesprochenen Wörtern Handlungen vollziehen, die weit über das Hervorbringen von Geräuschen oder Schriftzeichen hinaus gehen. Hierzu ein paar Beispiele:

  • Standesbeamtin: „Hiermit erkläre ich Sie zu Eheleuten.“
  • Gastgeber: „Hiermit ist das Buffet eröffnet.“
  • Chefin: „Ich kündige Sie mit sofortiger Wirkung.“
  • König: „Ich ernenne dich zur Ritterin.“

Die Begründer der Sprech-Akt-Theorie John Austin und John Searle haben sich zu solchen Sätzen in den 70er Jahren Gedanken gemacht. Austin kam zu der Überlegung, dass wir zwischen drei Sprech-Akten unterscheiden könnten:

  1. Der Lokutionärer Akt ( von locutio, lat.: die Sprache). Dabei handelt es sich um das reine Aussprechen oder Niederschreiben, eben das Formulieren von Worten. Kurz gesagt: der lokutionäre Akt ist, etwas zu sagen. Dabei ist das Sagen wie in der grammatischen Betrachtung ein Verb, also eine Handlung für sich, so wie schlafen oder trinken.
  2. Der Illokutionärer Akt. Dabei handelt es sich um solche Sätze, bei denen mit den Worten darüber hinaus etwas getan wird. Es handelt sich also um Sätze, die etwas tun, indem etwas gesagt wird. Ein bisschen können wir uns illokutionäre Akte wie Zaubersprüche vorstellen: Sie haben die Kraft etwas zu tun und zu verändern, einfach indem sie ausgesprochen werden.
  3. Der Perlokutionärer Akt. Noch einen Schritt weiter geht dieser Sprech-Akt. Dabei handelt es sich um die Wirkung des Gesagten auf die zuhörende Person. Diese Wirkung ist nicht absolut abgesichert, deshalb müssen wir mehr von einer Potenz sprechen: es gibt die Möglichkeit, dass ein Satz eine Wirkung auf jemanden hat. Wenn das so ist, nennt Austin das den perlokutionären Sprechakt. Beispielsweise muss jeder, der z. B. eine Mitteilung macht, damit rechnen, dass sie geglaubt wird. Wer. ein Versprechen abgibt, muss damit rechnen, dass das Versprochene erwartet wird. Wer eine Drohung macht, muss einberechnen, dass die Zuhörer Angst bekommen.

Sprechen erschafft Regeln und strukturiert somit Wirklichkeit

Einen weiteren Aspekt lernen wir schon John Searle. Er hat die Überlegung angestellt, dass es unterschiedliche Formen von Regeln gibt: Solche, die etwas ordnen, dass bereits da ist (wie etwa den Straßenverkehr) und solche, die etwas ordnen, dass erst entsteht dadurch, dass sie aufgestellt werden (wie etwa Spielregeln).

Sprech-Akte sind für Searle die zweite Sorte Regeln, die er Konstitutiva nennt (von konstitutiv = voraussetzend). Es sind also neu aufgestellte Regeln, ohne die es nicht gibt, was sie ordnen. Sie (wollen) strukturieren, was gerade passiert oder nun passieren wird, oder noch einfacher, was gerade ist.

Searle unterscheidet 5 Typen:

  • Die Wahrheit der Aussagen behaupten: aussagen, feststellen, bestreiten, insistieren (Repräsentativa)
  • Jemanden zu etwas bringen: bitten, fragen, auffordern, anordnen, beantragen, befehlen (Direktiva)
  • Sich selbst zu einer zukünftigen Handlung verpflichten: versprechen, anbieten, drohen, geloben, schwören, erlauben, garantieren (Komissiva)
  • Einen psychischen Zustand ausdrücken: danken (= dankbar sein), sich entschuldigen (etwas bereuen), loben (etwas bewundern), begrüßen (jemanden wahrnehmen).) (Expressiva)
  • Eine sofortige Veränderung bewirken: taufen, kündigen, exkommunizieren, ernennen, verurteilen (Deklarativa)

Literatur: Schützeichel, Rainer (2004): Soziologische Kommunikationstheorien. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

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