Dualismus der Magier*innen

Als ich letztens bei meiner Schwester zu Besuch war, die einen anderthalb Jahre altes Kind hat, habe ich meinem Neffen aus einem Buch vorgelesen. Wobei vorgelesen etwas dick aufgetragen wäre. Angeschaut trifft es vielleicht besser. Es war eines dieser Kinderbücher, dessen Seiten dick wie Bierdeckel sind und die in bunten Farben verschiedene mittelmäßig exotische Tiere zeigen; alles was aus Bauernhof und Zoo allgemeinhin in der Lebensrealität eines unter vier Jährigen Kindes vorkommen könnte. Das Thema des Buchs war „Gegenteile“. Auf einer Doppelseite wurden jeweils binäre Qualitäten von Tieren dargestellt: Laute und leise Tiere. Schnelle und langsame Tiere. Lange und kurze Tiere.

Ich habe über dieses malerische Früherziehungswerk nachgedacht. In diesem Buch geht es nicht nur darum, die Namen bestimmter Spezies zu lernen, sondern eine Idee für das zu bekommen, was sie ausmacht. Und das geschieht, indem deutlich gemacht wird, worin sie sich unterscheiden. Mir kam dieses Buch plötzlich so exemplarisch vor: Wie lernen wir unsere Welt zu begreifen? Durch Abgrenzung. Etwas ist, indem es etwas anderes nicht ist.

Der französische Psychoanalytiker Jaques Lacan war der Überzeugung, dass wir nur dazu in der Lage sind, uns selbst zu verstehen, indem wir uns unterscheiden von anderen. Er sagte die Identität eines Menschen konstituiert sich erst durch das Gegenüber, das wir nicht sind. Dieses Gegenüber hat er als das „Große Andere“ bezeichnet.

Mit Gegensatzpaaren operationalisieren Menschen ihre Welt. Sie machen sie greifbar und nutzbar für spezifische Anliegen, so wie Lacan es bereits für die gesamte Menschheit bereits als „das normale Verhalten“ angekündigt hat. Wenn ich einer Person, ein Wesen, einen Ort oder einem Objekt eine Eigenschaft zuweisen kann (in Abgrenzung zu ihrem Gegenteil), kann ich sie nutzen. Ich weiß, was sie kann, was sie ausmacht, wohin sie gehört. Ich kann sie einschätzen, mich vor ihr schützen, ich weiß, was ich hier zu erwarten habe.

Soweit, so eindeutig. Und Eindeutigkeit ist es auch, was uns scheinbar hypnotisch anzieht, insbesondere wenn es um die Identität geht. Jetzt ist es allerdings so, dass ich nicht nur mit Kinderbüchern, sondern auch mit selbstreferentiellen Magie*innen im Kontakt bin. Im Rahmen meiner Forschung zu gegenwärtiger spiritueller Praxis (Religionswissenschaft, Universität Heidelberg) stehe ich im engen Austausch mit einer Vielzahl an Magier*innen, Schaman*innen, Hexen, Paganen, Okkultisten und Esoteriker*innen, die sich unter dem Namen der „Chaosmagie“ zusammenfinden.

Der Dualismus ist eine Idee, die sich auch in magisch arbeitenden Kreisen äußerster Beliebtheit erfreut. Es handelt sich dabei um ein Weltbild, bei dem sich Qualitäten immer durch ihr Gegenteil ergeben, wie es Lacan mit dem „Großen Anderen“ zeigt. Der britische Okkultist Pete Carroll beschreibt in seinem Liber Null: „Mit dem Wort “Dualität” ist der gewöhnliche Zustand der Menschheit beschrieben. Glück existiert nur, weil es auch Leid gibt, Schmerz, weil es Freude gibt, Gutes, weil es Böses gibt, Yang, weil es Yin gibt, Geburt, weil es Tod gibt und Existenz, weil es Nicht – Existenz gibt. Alle Erscheinungen lassen sich auf diese Weise zu Paaren zusammenstellen.“

Die interessante Denkweise, die ich bei den Chaosmagier*innen kennen gelernt habe, schlägt nun folgendes vor: Die Qualität eines Gegensatzpaares ist im Grunde dieselbe, nur eine andere Ausprägung. Liebe und Hass sind gegenteilig: Und doch sind beides starke Gefühle für jemanden oder etwas, die sich in eine andere Richtung wenden. Tod und Sexualität sind gegenteilig, aber zwei Zustände der Kategorie „Leben“. Freude und Entsetzen sind emotionale Haltungen, die sehr unterschiedlich sind, aber ähnlich in der Art und Weise, wie sie uns aus der Mitte der Gleichgültigkeit heraustreiben.

Folgen wir dieser Logik für einen Moment, und beschäftigen wir uns mit der Frage nach der eigenen Identität und mit Selbstliebe. Wenn wir diese Idee hier anwenden, verwenden wir die Gegenteile nicht als Abgrenzung, sondern als Integration. Wer das eine hat, wird auch das andere haben (nur vielleicht weniger sichtbar und öffentlich). Die Idee ist nun eine andere, als es viele gewohnt sind, denn es geht darum nach Potenzialen zu fragen, die in uns schlummern. Wenn wir jemanden als sehr liebevoll beschreiben, würden wir jetzt die Gegenteil-Kategorie sehr wütend mitdenken. Wer sehr still ist, hat irgendwo in sich das Potenzial zu ungeheuerlicher Lautstärke. Wer sehr ängstlich ist, hat das Potenzial zu großem Mut.

Diese Idee folgt dem Schema: Wo viel Licht ist, da ist viel Schatten. Wo viel Schatten ist, ist viel Licht (denn sonst wäre es ja nur Dunkelheit und kein Schatten).

Diese etwas andere Art, Dualismen zu denken halte ich für eher selten und ungewöhnlich und gerade deshalb für ausgesprochen nützlich. Daher möchte ich diese Horizonterweiterung mit euch teilen. Wir bewegen uns somit nicht mehr auf einem Punkt einer Skala, sondern wir integrieren die gesamte Skala. Wir dürfen uns also fragen: Was bin ich so total? Was ist das Gegenteil davon? Wo bin ich das auch? Was kann ich so gar nicht leiden? Wo bin ich das auch? Was ist das Gegenteil davon? Wo bin ich das auch?

Faszinierend.

Jacques Lacan: Seminar III. Die Psychosen (1955–1956), Berlin/Weinheim: Quadriga 1997

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.