Freiheit und Theater

„Wenn der Einzelne eine Rolle spielt, fordert er damit seine Zuschauer auf, den Eindruck, den er bei ihnen hervorruft, ernst zu nehmen.“ Dieser Satz erscheint so simpel wie einleuchtend. Dennoch stecken darin eine Menge Ideen über den Menschen als Teil einer sozialen Gruppe und über Gruppen als Ort des Geschehens sozialen Miteinanders. Der Autor dieses Satzes, der Sozialwissenschaftler Erving Goffman, hat die Theorie aufgestellt, dass wir Menschen stets Theater spielen. Unser Handeln, wenn es im Beisein anderer ist (wenn es also sozial ist), versteht Goffman als eine Inszenierung, bei der wir um Glaubwürdigkeit und Eindruck bemüht sind. Uns sind im Laufe des Lebens mehrere Rollen nahegelegt worden, denen wir bewusst oder unterbewusst versuchen, nachzukommen. Wir geben uns größte Mühe, unserem Publikum „den Anschein der Wirklichkeit“ zu vermitteln – wir wollen, dass sie uns glauben, was wir behaupten zu sein.

Dazu bedienen wir uns althergebrachter Mittel. Goffman bezeichnet diese Mittel als „Fassade“. Er meint damit ein „standardisiertes Ausdrucksrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewußt oder unbewußt anwendet“. Wir behaupten also etwas oder jemand zu sein und nutzen diese Fassade, um unserem Publikum das auch zu beweisen. Wir versuchen unserem Gegenüber unsere Rolle sichtbar, ja erfahrbar zu machen, beispielsweise mit der Kleidung, den Worten oder den Gesten, vielleicht sogar dem Parfüm oder dem Lachen, das wir dramatisch einsetzen. Wir erwähnen „zufällig“ Details, die unsere Behauptung unterstreichen, und lassen unter den Tisch fallen, was uns in unserer Widersprüchlichkeit entlarven könnte. Goffman schreibt: „Die gleichen Frauen lassen die `Saturday Evening Post´ auf dem Rauchtisch im Wohnzimmer liegen und verstecken einen Band `True Romance` […] im Schlafzimmer.“

Warum machen wir das? Weil wir selbst und andere eine Kohärenz – eine Übereinstimmung, eine Eindeutigkeit – zwischen Fassade und Rolle erwarten. Wir wollen, dass jemand eindeutig jemand ist. Gleichzeitig steckt hier das große Dilemma: Wir sind nicht eindeutig, waren es nie und werden es nie sein. Wir sind viele, gleichzeitig, völlig widersprüchlich und komplex. Die Freiheit, die in der Akzeptanz von dieser Gleichzeitigkeit liegt, ist unvergleichlich.

Ich gehe jetzt mal meinen Fantasy-Roman lesen…

Erving Goffman (1983): „Wir alle spielen Theater“.

 

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